Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 27.12.2018

„Ich bin eine Suchende“

Claudia Reiterer. Die ORF-Moderatorin hat beim Polit-Talk „Im Zentrum“ für einen Quotenschub gesorgt. Nun wurde sie bei der „Women of the Year“-Gala mit einem Award in der Kategorie „Success“ ausgezeichnet. Das Interview über ihre schwierige Kindheit und ihre perfekte Karriere.

Bild 20170111_PD11819.HR.jpg
Job. Reiterer über die Moderation von „Im Zentrum“: „Das ist jeden Sonntag wie eine Fahrt die Streif runter oder ein Sprung von der Kulm-Schanze.“ © picturedesk.com

Beim ORF hat sie sich in die ers­te ModeratorInnen-Reihe gespielt: Seit Jänner 2017 präsentiert ­Claudia Reiterer, 50, den Polit-Talk „Im Zentrum“. Mit enormem Erfolg – die Sendung verbuchte im Vorjahr ein Seher-Plus von 20 Prozent (zuletzt 453.000 ZuschauerInnen bei 19 Prozent Marktanteil). Dafür und für alle davor liegenden Karriere­schritte wurde Reiterer nun mit einem „­Women of the Year Award“ in der Kategorie „Women for Success“ ausgezeichnet.  

Die ORF-Topmoderatorin hatte keine einfache Kindheit, sie verbrachte die ersten Mona­te ihres Lebens in einem Kinderheim, danach wurde sie in eine Pflegefamilie in der Steiermark aufgenommen. Besonders geborgen fühlte sie sich dort nicht. Zusätzlich hatte sie auch mit der Ächtung der anderen Kinder zu kämpfen. „Mir wurde von klein auf klargemacht: Pflegekinder sind Kinder zweiter Klasse“, erinnert sie sich. Und sie sagt: „Als Kind habe ich schon sehr gelitten.“ Trotz der widrigen Umstände reifte sie zu einer starken Persönlichkeit. Sie wusste immer, was sie wollte. Als die Pflegemutter sie für eine Lehre zur Friseurin anmeldete, wider­setzte sie sich. Sie absolvierte eine Ausbildung zur Krankenschwester und arbeitete danach auf der Herzchirurgie im LKH Graz.

Doch ihre Interessen gingen schließlich in eine andere Richtung: Claudia Reiterer studierte in Graz Pädagogik mit der Fächerkombination Psychologie und Sozialmedizin und schloss als Magistra ab.

Bild _MG_0140_(C)_Arman Rastegar.jpg
Zu Gast bei der look! Women of the year Gala 2018. © Arman Rastegar

ORF-Karriere. Bereits 1993 arbeitete sie als Praktikantin beim ORF, ab 1999 gehörte sie zum Team der „ZIB 1“. U. a. präsentierte sie auch das Politik-Magazin „Report“, die „Pressestunde“ und „Konkret“. 2009 gewann sie die fünfte Staffel von „Dancing Stars“. Auch privat hat Reiterer ihr Glück gefunden. Sie ist mit dem Polit-Strategen Lothar Lockl, 50, verheiratet, das Paar hat einen 13-jährigen Sohn.
Im Interview mit look! spricht die Top-Moderatorin über ihre Karriere und Privates.

 

look: Was bedeutet Ihnen der „Woman of the Year Award“?

Claudia Reiterer: Die Auszeichnung freut mich sehr, weil es auch eine Auszeichnung ­dafür ist, dass es sich auszahlt, für seine Träume zu kämpfen, dass man versucht, die beste Version seiner selbst zu werden.


Wenn Sie zurückschauen, würde zu Ihrem Leben der Titel – angelehnt an eine Text­zeile von Xavier Naidoo – passen: „... und der Weg war steinig und schwer?“   

Ja. Aber noch besser würde passen: Auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden, kann man etwas Schönes bauen.


Dafür sind Sie ja ein Paradebeispiel. Denn trotz Ihrer schweren Kindheit haben Sie zu ­einem erfolgreichen, erfüllten Leben gefunden. Wie haben Sie das geschafft?

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, wenn man in der Kindheit wenig Liebe und Kränkungen erlebt hat: Entweder man wird extrem empathisch oder man wird bösartig. Einen Mittelweg gibt es da meiner Ansicht nach kaum. Mich hat es Gott sei Dank in die positive Richtung getrieben. Ich hatte das große Glück, dass es Menschen gab, durch die ich Liebe und Zunei­gung erfahren habe. Zum Beispiel von meinem Bruder Josef, der mir noch heute eine Stütze ist. Er ist natürlich nicht mein leiblicher Bruder, sondern war wie ich als Pflegekind bei der Familie. Und dann gab es auch einen sehr lieben Pfarrer, auch er hat mich unter­stützt. Ich habe also trotz allem Glück gehabt. Es gibt Menschen, die an einer solchen Kindheit zerbrechen. Sie brauchen Hilfe, von der Gesellschaft, von der Politik, sie müssen jede Unterstützung bekommen.

Bild 148_20181116_(c)schedl_Womanoftheyear2018.jpg
Familie. Ein äußerst attraktives Paar: Claudia Reiterer mit Ehemann Lothar Lockl, einem Politik- und Strategieexperten. Das Paar hat einen 13-jährigen Sohn. © Schedl

Ihre Pflegemutter wollte, dass Sie Friseurin werden. Sie wurden Krankenschwester. Was hat Sie dann zu dem Berufswechsel veranlasst?

Ich war sehr gern Krankenschwester und ich wertschätze ebenso den Beruf der Friseurin sehr, aber mein Traum war es einfach, Journalistin zu werden. Der Wunsch hat mich nicht losgelassen. Ich war immer eine sehr streitbare Diskussionsfreudige, wenn es etwa um Ungerechtigkeiten in der Gesundheitspolitik ging. Ich habe überlegt, was das für mein Leben bedeu­tet. Und ich wusste, ich muss einen ande­ren Weg gehen. Ich muss mein Leben in die Hand nehmen und das durchziehen.

 

Vermutlich hat Ihre Kindheit trotz Ihrer Willensstärke Narben hinterlassen.

Natürlich hat mich als Kind wahnsinnig verletzt, dass immer gesagt wurde, du bist ein Heimkind, ein Pflegekind, aus dir kann nichts werden. Oder dass andere Kinder in der Schule nicht mit mir reden durften … Diese Kränkungen waren für mich aber auch ein Antrieb. Wenn zu mir jemand gesagt hat, aus dir kann nichts werden, dann hab ich zu mir selbst gesagt, aus mir kann alles werden. Dennoch: Dass jemand mit einer Geschichte wie der meinen Narben davonträgt, das ist ­einfach so.
Meine beste Freundin, die leider nicht mehr lebt, hat immer zu mir gesagt: Jeder muss seinen Rucksack tragen. Der eine ist kleiner, der andere größer. Man muss gewisse Dinge aus dem Rucksack nehmen und sie am Weg liegen lassen, um den Rucksack nicht unnötig schwer zu machen, wenn man weitergeht.


Kennen Sie Ihre leibliche Mutter?

Ja. Ich habe als Studentin eine Unterschrift für ein Stipendium von ihr gebraucht. Aber seither habe ich sie nicht mehr gesehen.


Hätten Sie sich in Ihrer Jugend vorstellen können, dass Sie einmal ein so gutes Leben ­haben werden?

Ich habe immer ganz fest daran geglaubt, dass das, was ich jetzt habe, einmal passieren wird. Ich habe an meine Träume geglaubt. Ich bin eine unverbesserliche Optimistin. Ich hab als Kind wahnsinnig gern Märchen gelesen. Die guten Botschaften dieser Märchen haben mich getragen: Nicht immer den anderen oder den Umständen die Schuld geben, sondern selbstwirksam das Leben in die eigene Hand nehmen.


Sie haben 2018 Ihren 50. Geburtstag gefeiert. War das eine Zäsur?

Nein. Ich halte es mit Coco Chanel, die gesagt hat: „Eine Frau kann mit 19 entzückend, mit 29 hinreißend sein, aber erst mit 39 ist sie absolut unwiderstehlich. Und älter als 39 wird keine Frau, die einmal unwiderstehlich war.“

 

Sie moderieren sehr erfolgreich „Im Zen­trum“. Ihr Traumjob?

Ja. Trotz aller Anstrengungen. Denn die Moderation der Sendung ist eine Mischung aus Prüfung und einem Sprung von der Kulm-Schanze oder einer Fahrt die Streif runter. Die Vorbereitungen sind wirklich heftig, sehr arbeits­intensiv, für das ganze Team.  

 

Was hat Ihnen das Leben beigebracht?

Einmal gewinnt man, einmal lernt man.


Und was wollen Sie vom Leben noch ­erfahren?

So vieles ... Ich bin eine Suchende. Je älter ich werde, desto mehr Fragen habe ich.