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People | 02.10.2018

Ich lebe mit dem Schmerz

Anna Proksch, die Tochter von Erika Pluhar und Udo Proksch, stirbt mit 37 an einem Asthmaanfall. Im Roman „Anna“ beschreibt Pluhar die Kindheit ihrer Tochter, über die sie sagt: „Es war keine Glückliche."

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Alterslos schön. Im Februar wird Erika Pluhar 80 Jahre alt. „Ich wellnesse nicht und ich lass mir auch nichts ins Gesicht spritzen. Aber ich gehe – ich gehe jeden Tag.“ © Stefan Joham

Der Vater ein exzentrischer Lebemann, meist absent und wenn nicht, dann ­betrunken. Die junge, schöne Mutter gerade dabei, ihre Schauspielkarriere aufzubauen. Anna Proksch wird 1962 in dieses Leben geboren; nur 37 Jahre später stirbt sie einen dramatischen Erstickungstod. Erika Pluhar (79) hat über die ersten zwölf Jahre ihrer Tochter ein sehr berührendes Buch geschrieben. „Annas Kindheit war keine schöne Kindheit.“

look: Sie schreiben über die Kindheit Ihrer Tochter Anna, darüber, dass sie keine glückliche war ...

Erika Pluhar: Das stimmt. Ich war eben auch keine knuddelige Mutter, keine verlässliche Mutter. Anna war ­eigentlich schon als kleines Kind meine Freundin. Das beschreibe ich ja auch sehr genau im Buch. Dass ich dieses Kind immer wie einen erwachsenen Menschen behandelt habe.

 

Wann haben Sie beschlossen, sich der Vergangenheit zu stellen und das Buch über Annas Kindheit, bis hin zu ihrem zwölften Lebensjahr, zu schreiben?

Seit Annas Tod erwähne ich immer ihr Leben. Auch jetzt ist es so, dass ich nach einem Konzert zu den Musikern sage: „Würdet ihr bitte mit mir auf die Anna anstoßen?“ Sie ist mir also immer gegenwärtig. Aber anfangs musste ich natürlich ganz klipp und klar meine Schuldgefühle bekämpfen.

 

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Seltener Moment. „Anna fehlte es an zuverlässiger Geborgenheit“, sagt Erika Pluhar über die ersten zwölf Lebensjahre ihrer Tochter. © picturedesk.com

Wofür haben Sie sich schuldig ­gefühlt?

Wahrscheinlich wegen Annas Asthma, weil die Psychologen sagen, das sei ein „Schrei nach der Mutter“. Schuld, weil sie an einem Asthmaanfall gestorben ist. Ganz klar! Aber ich habe diese Schuldgefühle durchgearbeitet und bin davon abgerückt. Weil: Ich habe die Anna immer geliebt und habe getan, was ich konnte. Aber dass ich in ihrer Kindheit keine gute Mutter war, das war mir schon immer klar. Und es wurde mir noch mehr klar, als Anna den Ignaz übernommen und ihn von Geburt an aufgezogen hat. Da habe ich gesehen, wie das funktioniert zwischen Mutter und Kind und was sie für ein warmer, umarmender Mensch geworden ist. Und vor drei Jahren habe ich begonnen, ihre Kindheit aufzuschreiben. Ich wollte es mir einfach erzählen.

 

Hat das Schreiben geholfen?

Ich lebe mit diesem Schmerz. Und ich lebe mit diesem Schmerz ganz sachlich und dann wird es wieder ganz blutig. Das Schreiben hat für mich geklärt, dass ich mich nicht schuldig fühlen muss. Es hat mir gleichzeitig noch mal meine eigene Ratlosigkeit, meine Unter­­worfenheit in Männerbeziehungen, mein Alleinsein – ich war ja Alleinerzieherin – das hat mir das Schreiben gezeigt. Aber meinen Beruf wegen Anna sein zu lassen – das war für mich undenkbar. Ich war ja ein Kriegskind, habe die Angst erlebt. Deswegen war es für mich immer so wichtig, ­Leben zu erfinden. Deswegen bin ich ja Schauspielerin geworden. Deswegen schreibe ich.

 

Aber ist es nicht unglaublich schwer, über die unglückliche Kindheit der verstorbenen Tochter zu schreiben?

Anna hatte sicher auch mal schöne Zeiten. Zum Beispiel die kurze Zeit, als Peter Vogel mein Partner war. Leider hat er sich das Leben genommen. Es war eine reichhaltige Kindheit, würde ich ­sagen. Aber keine schöne Kindheit mit zuverlässiger Geborgenheit und dem Gefühl „Da gehöre ich her“. Aber ich weiß heute – auch durch das Schreiben: Ich hätte es nicht anders machen können; ich müsste als ein anderer Mensch geboren sein. Ich sage nur: wie traurig für uns beide, dass es so sein muss. (Pause) Ich habe sehr oft geweint beim Schreiben.

 

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Persönlich. „Ich habe es immer vorgezogen, über Anna zu reden.“ Erika Pluhar im look!-Talk mit Alexandra Stroh. © Stefan Joham

 

War es so, als würden Sie viel noch einmal erleben?

Ja, die Situationen sind mir wieder vollkommen nahe gekommen. Es gibt spätere Passagen meines Lebens, auch jene, in denen ich Karriere gemacht habe, an die ich mich kaum erinnere. Aber die Kindheit von Anna war mir so präsent. Schritt für Schritt.

 

Anna ist mit Udo Proksch als Vater aufgewachsen. Der war, schreiben Sie, meistens absent oder betrunken ... Gab es später Vorwürfe von ihr?

Nein! Sie hat ihn am meisten ­geliebt und heiß verteidigt. Sie hat nie gesagt, dass sie gern einen anderen ­Vater ­gehabt hätte. Sie war ja dann, als er eingesessen ist, seine Stütze. Sein Ein und Alles. Als sie starb, ist Udo dann auch gleich gestorben. Und zwar am Herzen. Ich sage immer: Es ist ihm gebrochen. Der Udo war ja nicht nur ein übler Kerl; und in der Anna war ganz viel Udo. Sie war wirklich eine 50-zu-50-Mischung aus uns beiden.

 

Sie beschreiben Ihre Zeit mit Peter Vogel auch als glückliche Zeit für Anna. Eine Art Familienidyll ...?

Für die Anna war der Peter wirklich ein Halt. Und ich war vor allem eine Zeit lang mit jemandem wirklich ein gutes Paar, sodass sie das Gefühl hatte: Die passen und sind so etwas wie Eltern. Wenn er trocken war, war es eine wirklich wunderschöne und einzigartige Gemeinschaft, eine Herzensliebe. Und ich habe ja bis zu seinem Suizid so viele Entzüge mit ihm gemacht. Später dann habe ich bemerkt, dass Anna aufgrund ihrer Erfahrungen mit Udo Proksch und Peter Vogel immer einen Abstand gehalten hat von dort, wo die Sucht herrschte.

 

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Udo Proksch, der Vater von Anna, starb nur wenige Wochen nach ihrem plötzlichen Tod. „An gebrochenem Herzen“, sagt Pluhar.© picturedesk.com

Anna starb mit nur 37 Jahren an einem Asthmaanfall. Wie konnten Sie das überleben?

Man stirbt dann entweder auch oder nicht. Für mich war natürlich der 15-jährige „Igi“ ein Überlebensfaktor. Er war beim Tod seiner Mutter dabei, war schwer traumatisiert. Und er hatte ja jetzt niemanden mehr außer mir. Ich konnte also keine Pulver schlucken und mich verabschieden. Bei ihm zu bleiben war meine Pflicht. Und alles andere war irgendwie auch Pflicht. Ich habe alles gemacht und wahrgenommen wie hinter Glas. Aber das Leben ist stark. Und langsam ist das Glas ­gesplittert und plötzlich merkt man die Sonne und spürt, die ist eigentlich schön. Der Wind rauscht, ein Schnitzel, das ist gut. So diese ganz einfachen Wahrnehmungen. Und dem Igi konnte ich ja nicht als Jammerlappen gegenübertreten.

 

Wie denken Sie heute an Anna?

Mir wäre am liebsten, sie könnte das Buch jetzt lesen. Das würde ich mir von Herzen wünschen! Anna hat so ein weites Herz gehabt und alle Freunde darin aufgenommen. Ich habe ein großes Foto von ihr bei mir hängen. Das haben Freunde von ihr gemacht. Eine riesengroße Fotografie, und, ganz ­eigenartig, die gilbt nicht. Vor der sitze ich jeden Tag. 

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Anna – Eine Kindheit Erika Pluhar schreibt offen und schonungslos über ihre Tochter. Residenz Verlag, 24 Euro.