Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 12.06.2018

Ich strahle von innen

Ihre Tochter lehrte sie Selbstliebe, heute sportelt Ingrid Diem, weil sie Lust darauf hat. Sie pfeift singend auf Diäten – und erntet damit viele tausend Klicks.

Bild 1806_N_Me_Diem_(C)Bernard Eder_Ingrid Auswahl 011.jpg
EMOTIONAL. „Auf der Bühne bin ich ich“, sagt Ingrid Diem. © Bernard Eder

Die kleine Lady posierte selbstbewusst vor dem Spiegel. „Was machst du da?“, fragte ihre Mama. „Ich staune mich. Mach mit!“ – „Das hat mir alles abverlangt! Welche Frau stellt sich schon nackt vor den Spiegel und sagt: ‚Bäm! Yeah, danke dafür‘“, lacht sie. Doch um ein authentisches Vorbild für die Tochter zu sein, tat sie es. Und noch mehr: Nach vielen Jahren voller (selten lustiger) Ernährungs- und Bewegungsprogramme lässt die schöne Sängerin das Hungern bleiben und zelebriert Körper und Leben mit dem Ohrwurm „BMI“ (wie Body-Mass-Index). Das pointierte Video ging Ende April auf YouTube online, nach nur wenigen Tagen knackte sie die 10.000er Grenze. Wir trafen die Mostviertlerin zum Talk.

look: „BMI“ hat voll eingeschlagen! Wie geht es dir damit?

Ingrid Diem: Das hat mich extrem überrascht! Ich habe den Song für mich gemacht – ohne Erwartungshaltung. Dann bekomme ich neben tausenden Klicks hunderte Nachrichten, auch aus dem Ausland. Von curvy Bloggerinnen genauso wie von dünnen Menschen wie einer Yoga-Lehrerin, die gestand, dass sie seit Jahren in langen Hosen unterrichtet, weil sie ihre Zellulite nicht in den Griff bekommt. Männer schreiben mir, dass es für sie umgekehrt schwer ist, weil sie hart trainieren und trotzdem nicht wie Herkules aussehen … Mir selbst ging es darum, endlich meinen Ist-­Zustand zu mögen. Das Witzige ist: Seit ich ­meinen Körper nicht mehr ableh­ne, gehe ich gerne ins Fitness­center, weil ich Bock habe (lacht).

 

Bild 1806_N_Me_Diem_(C)Bernard Eder_Ingrid Auswahl 001.jpg
SCHÖN MIT SCHMÄH. Mit Humor lässt sich fast alles leichter annehmen, findet die Sängerin. © Bernard Eder

 

Der Song ist ein Herzensanliegen?

Es war ursprünglich eine Ballade. Ich habe sie meiner Band vorgesungen, daraufhin haben mich alle umarmt und gesagt: „Aber Ingrid, du bist doch eh so schön.“ Ich wollte aber kein Mitleid! Da wurde mir klar, dass die Musik das Feeling unterstreichen muss, es muss fröhlich werden. Als ich „BMI“ das erste Mal live gesungen habe, habe ich dafür das meiste Feedback bekommen. Schon bei der Zeile „meinen Körper zu lieben“ kam Applaus. Das war lange mein wundester Punkt, nun kann ich endlich darüber sprechen.

 

Was war der Knackpunkt?

Ich habe einmal vier Frauen zuge­hört, die sich „Sex And The City“-­mäßig getroffen haben. Sie sahen aus wie ­Models und haben ihr Äußeres zwei Stunden lang mit schlimmsten Eigenschaftswörtern zerlegt. Ich habe mich vor denen nicht einmal aufs Klo gehen getraut. Dann dachte ich mir: Geil, wenn man so ausschaut und noch ­immer so einen Stress hat, dann brauche ich das Ziel nicht zu verfolgen, dann lege ich mich lieber gleich in die Sonne. 2014 hatte ich 35 Kilo abgenommen, ich war knapp unter dem Idealgewicht und zellulitefrei. Ich hatte erwartet, dass ich dann durch die Straßen lustwandle und alles ist toll. Aber: Ich habe mich verwundbar gefühlt, als hätte mir jemand meine Decke weggenommen. Ich habe beschlossen, meine Energie statt in Diä­ten in meine persönliche Entwicklung zu stecken, damit ich von innen strahle, stärker werde und keinen Schutz durch Gewicht mehr brauche.

 

Du hast eine achtjährige Tochter. Steht das mit ihr in Zusammenhang?

Ja! Sie hat mich schon mit zwei Jahren zur Selbstliebe gezwungen. Sie hat mich vor dem Schlafengehen aufzählen lassen, wen ich alles lieb habe und nicht locker gelassen, bis ich mich selbst als Erste genannt habe (lacht). Später hat sie einmal gesagt, dass sie sich nicht schön finden kann, wenn ich mich nicht schön finde. Dann war für mich klar: Wenn ich nicht will, dass sich mein Kind schon mit zehn zerlegt, muss ich mich auch annehmen. Außerdem will ich an den Strand fahren und mich aufs Baden freuen und nicht über Miss Bikini 2017 neben mir nachdenken. Früher war ich neidisch, heute vergönne ich’s ihr. Ich bewerte auch nicht mehr. Ich sage auch jedem Fotografen, dass sie mir weder 30 Kilo noch 15 Jahre wegretuschieren sollen. ICH gehe ja dann auf die Bühne!

 

 

Bild 1806_N_Me_Diem 171116_(c)_Andreas_Mueller_507.jpg
SHOOTING-STAR. Diem sagt Bodyshaming den Kampf an. Ihr Song BMI ist ein Hit! © Andreas Mueller

Was bedeutet dir die Musik?

Auf der Bühne bin ich ich. Ich konnte lange beispielsweise Wut und Aggression im Privatleben nicht ausdrücken, schwieg, wenn sich jemand an der Kassa vordrängte. Auf der Bühne konnte ich aber laut „Respect“ von Aretha Franklin singen (lacht). Ich schäme mich nicht, vor dem Publikum authentisch zu sein. Die Leute kommen in ihrer Freizeit, ­haben bezahlt, sie wollen was erleben, sich mitärgern und mitfreuen, dich spüren – und inspiriert nach Hause gehen.

 

Woher schöpfst du Inspiration für deine Lieder?

Aus meinen Emotionen. Meiner Tochter schrieb ich das Lied „Kleiner Schatz“. Ich hatte die Diagnose „unfruchtbar“ bekommen, neun Monate später war ich schwanger und überglücklich.

 

 

Bild 1806_N_Me_Diem_(c) privat_IMG_0593.jpg
GROSSE LIEBE. Ingrid Diem lebt mit ihrer achtjährigen Tochter Tori im Mostviertel. © privat

Wie hast du die Schwangerschaft ­erlebt?

Wenn ich an meine Tochter denke, ist das Gefühl, das mir einfällt: Leichtigkeit. Sie bringt mich so runter. Es war schon die Schwangerschaft so schön, alles war im Fluss – und dann hatte ich eine kurze, leichte Hausgeburt!

 

Wie managst du euren Alltag?

In meiner Branche gibt es ganz weni­ge Mamas, weil es herausfordernd ist, all die Termine zu organisieren. Das Gute ist: Ich arbeite viel am Wochen­ende und abends, dafür kann ich sie von der Schule abholen. Meine Mama unterstützt mich und wir teilen uns das mit ihrem Papa und seiner Freundin, die in der Nähe wohnen, super auf. Wir sind auch Arbeitskollegen und gute Freunde geblieben. Uns gelingt ein herzliches Patchworken, weil auch wirklich alle ­dafür offen sind.

 

Vergangenen Herbst hast du dein ­Album präsentiert, nun deine Liebe zum Kabarett entdeckt …

Ich habe eine Gabe dafür, harte Wahrheiten lustig zu verpacken. 2019 will ich mein Musik-Kabarett präsentieren. Es wird um den Körper gehen, um Beziehungsanfänge, erste Dates, das erste Mal aufstehen in der Früh im weißen Licht und zu wissen, er schaut dir nach, wenn du nackt vom Bett weggehst …