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People | 08.03.2019

Ich will das Land besser machen

Pamela Rendi-Wagner steht seit drei Monaten an der Spitze der SPÖ. look! sprach mit der Ärztin über ihren Antrieb und ihr Sendungsbewusstsein – und sie sagte, warum sie 2022 Bundeskanzlerin werden will.

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,,Als Politikerin kann ich mehr für die Menschen tun als in meinem Beruf als Ärztin.", so Pamela Rendi-Wagner. © Stefan Diesner

Mit ihr weht spürbar frischer Wind durch die Partei. ­Pamela Rendi-Wagner ist die erste Frau an der Spitze der SPÖ. Beim Gespräch mit der 47-Jährigen ist glühende Begeisterung für die Sache und ein unglaubliches Sendungsbewusstsein spürbar: Sie will die Lebenssituation vieler ÖsterreicherInnen verbessern. Das Klischee der Akademikerin, die keine Ahnung von den ­Nöten der Menschen, von den Sorgen und Problemen der SPÖ-Basis hat, erfüllt sie keinesfalls. Rendi-Wagner hat die Bodenhaftung nie verloren, sie wuchs in einem Favoritner Gemeindebau auf, ihre alleinerziehende Mutter arbeitete in einem städtischen Kindergarten.


Im November 2018 wurde die renommierte Tropenmedizinerin und frühere Ministerin für Gesundheit und Frauen zur SPÖ-Vorsitzenden gewählt. Rendi-Wagner ist mit Michael Rendi, 54, Beamter im Außenministerium und früherer Botschafter in Tel Aviv, verheiratet und Mutter von zwei Töchtern.

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Vorbild: SPÖ-Chefin Rendi-Wagner über Bruno Kreisky: „Dank der Errungenschaften seiner Politik in den 1970er Jahren war das Leben meiner alleinerziehenden Mutter gesichert – sie hatte eine Wohnung, Arbeit und für mich einen Kindergartenplatz.“ © Stefan Diesner

look! traf sie in ihrem Büro zum Interview.

 

look: Seit drei Monaten sind Sie SPÖ-Vorsitzende. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?

Pamela Rendi-Wagner: Der Parteitag am 24. November war ein klarer Wendepunkt für die SPÖ: Schluss mit der Selbstbeschäftigung, wir kümmern uns ausschließlich um die Probleme und Sorgen der ÖsterreicherInnen. Und es ist uns gelungen, ganz wichtige Themen zu setzen: Leistbarkeit des Wohnens, eine soziale Gesundheitspolitik, bei der das Thema Pflege besonders wichtig ist, und die steuerliche Entlastung der ArbeitnehmerInnen.


Das klingt sehr enthusiastisch. Dennoch: Sie sind eine sehr erfolgreiche Ärztin, Sie haben habilitiert, sind Universitätsdozentin. Frühere KollegInnen streuen Ihnen Rosen. Warum haben Sie sich für die Politik entschieden – sind Sie den Ver­lockungen der Macht erlegen?

(Lacht.) Nein, um Macht geht es mir ganz sicher nicht. Es wäre auch schön gewesen, weiter als Ärztin zu arbeiten. Aber das Leben bietet manchmal spontan Möglichkeiten und dann muss man sich entscheiden – schlage ich den neuen Weg ein oder gehe ich geradeaus weiter. Ich habe immer die neue Herausforderung gewählt. Auch als Ärztin, da war bei mir schon sehr bald nicht nur Interesse für die klassische interne Medizin vorhanden, sondern vor allem für den sozial­medizinischen Aspekt, für die Bevölkerungsgesundheit. Und Gesundheit und Lebenserwartung hängen ganz stark vom Bildungsstand ab, davon, wie viel Geld jemand zur Verfügung hat und wie dieser Mensch sozial eingebettet ist.

 

Dieses Sendungsbewusstsein hat Sie in die Politik wechseln lassen?

Ja, denn als Politikerin kann ich mehr für die Menschen tun als in meinem Beruf als Ärztin. Ich kann etwa
die Bildungschancen der Kinder in diesem Land beeinflussen. Wenn wir die Bildungs­chancen erhöhen, erhöhen wir die Gesundheit und die Lebenserwartung. So viel kann ich als Ärztin nie erreichen. Deshalb schmerzt mich, dass die derzeitige Regierung Lehrerstellen abbaut. Das ist ein grundlegend falscher Weg. Wir brauchen mindestens 5.000 LehrerInnen mehr – auch um den Deutsch­unterricht, um die Integration in den Schulen zu fördern.


Wie stehen Sie zu Migration und Integration? Diese Themen wurden in den vergangenen Jahren meist den anderen Parteien überlassen, sicher mit ein Grund für das SP-Wahlergebnis.

Ich mache darum sicher keinen ­Bogen. Bei Migration und Integration geht es um Humanität und Ordnung. Einerseits müssen die Menschenrechte gewahrt werden, andererseits gibt es rechtliche und kulturelle Normen. Und wenn jemand hier integriert werden will, dann hat er sich an diese Normen zu halten. Das ist für mich eine klare ­Sache und dazu gibt es auch innerhalb der SPÖ eine einhellige Meinung.

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,,Wer in Österreich bleiben will, muss sich integrieren und an unsere Gesetze und kulturellen Normen halten.", so SPÖ-Chefin Rendi-Wagner. © Stefan Diesner

Das ist ein Standpunkt, der bislang in dieser Deutlichkeit meist nur von den Regierungsparteien zu hören war.

Aber wir reden über die Themen, die Millionen von Menschen jeden Tag betreffen. Dazu gehören neben Ärztemangel, Pflege und Mindestsicherung auch Migration und Integration. Wenn ein Asylverfahren positiv entschieden wird, darf die- oder derjenige hier bleiben. Wir haben Rahmenbedingungen zu setzen, um diese Menschen zu integrieren. Im Gegenzug haben diese Menschen die Verpflichtung, sich unseren Rechtsnormen, unseren Gesetzen zu fügen – wie das jeder Österreicher macht.

 

Zuletzt gerieten die Themen Migration und fehlende Integration wegen Gewalt gegen Frauen wieder in den Fokus.
Es gibt einen Mann, der jahrelang als Integrationsstaatssekretär und als Minister für Integration zuständig war. Ich meine unseren jetzigen Bundeskanzler Sebastian Kurz. Meines Erachtens hat er da viel verabsäumt. Und dafür trägt er die politische Verantwortung.

 

„Neuer Mut, neue Kraft“ ist Ihr Slogan. Woraus schöpfen Sie Mut und Kraft?

Der primäre, der stärkste Antrieb für mich ist, dass ich zutiefst überzeugt bin, dass dieses Land und die Menschen in Österreich eine starke sozialdemokratische Kraft brauchen. Denn nicht nur ich mache mir Sorgen, sondern viele im Land teilen die Sorge, dass die rechtskonservative Regierung Entwicklungen vorantreibt, die den Menschen auf Dauer nicht gut tun werden. Und die innere Kraft, um dagegen anzutreten, schöpfe ich aus meiner Familie und den engsten Freunden. Ruhe und Erholung gibt’s dann bei Spaziergängen mit dem Hund (lacht). Einen ordentlichen Energie­schub hat mir natürlich gegeben, dass ich beim Parteitag im November mit knapp 98 Prozent Zustimmung zur Vorsitzenden gewählt wurde. Das ist eine Tatsache, die stärkt und motiviert.

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Familie: Die SPÖ-Chefin ist mit Michael Rendi, 54, früherer Botschafter in Tel Aviv, verheiratet. © APA Picturedesk

Wie steht Ihre Familie zu Ihrem Job?

Dass ich den Job angenommen habe, war eine gemeinsame Entscheidung der Familie. Meine Kinder sind mit einer ­arbeitenden, einer glücklichen und ­erfüllten Mutter groß geworden. Sie kennen gar nichts anderes. Und ich habe nicht den Eindruck, dass sie unter meiner Berufstätigkeit leiden. Ich möchte ja auch ein Vorbild für meine Töchter sein.


Ihre Mutter war Alleinerzieherin, beide Eltern Teil der 68er-Generation. Was war das Prägendste, das Sie aus ­Ihrer Kindheit mitgenommen haben?

Meine Mutter hat mir Geborgenheit und Wärme gegeben, dadurch konnte ich meine Stärke entwickeln und meinen Weg gehen. Meine Mutter war ja sehr jung, als ich zur Welt kam, sie hätte mich auch bei meinen Großeltern abgeben können. Aber sie war immer für mich da, ist immer auf eigenen Beinen gestanden und sie hat es geschafft, mich gut zu versorgen.

Aber ich bin überzeugt, dass sie es auch dank Bruno Kreisky, dank der Errungenschaften seiner Politik in den 1970er Jahren, geschafft hat. Wir hatten eine Zweizimmerwohnung in der Per-Albin-Hansson-Siedlung im zehnten Bezirk, eine Gemeindebauwohnung. Und meine Mutter hat in einem städtischen Kindergarten im Gemeindebau gearbeitet, ich war im selben Kindergarten. Die Wohnung, die Arbeit, mein Kindergartenplatz – das alles hat ihr ­Leben gesichert und damit meinen Start ins Leben ermöglicht.


Sie haben ungewöhnliche Vornamen: Joy Pamela. War das Lied „A Song of Joy“, das 1970, ein Jahr vor Ihrer Geburt, die Hitparaden stürmte, Inspiration für Ihre Eltern?

Mein Vater hat sich relativ bald, als ich ein Jahr alt war, von meiner Mutter getrennt, aber den Namen Joy hat er verantwortet. Vielleicht hat das Lied ihn inspiriert, er hat es nie erwähnt. Er hat nur gesagt: „Sei froh, dass wir keinen Bindestrich zwischen die beiden Namen gesetzt haben.“