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People | 23.07.2019

"Jeder Körper erzählt eine Geschichte"

Schonungslos und detailreich erzählt die amerikanische Feministin Roxana Gay in ihren Memoiren "Hunger" über den Werdegang ihres Körpers und ihre Sicht auf die bestehenden Schönheitsideale. Den US-Bestseller gibt es jetzt auch auf Deutsch und zeigt den Lesern einen besonderen Perspektivenwechsel.

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©iStock by Getty Images

Aussehen als soziale Währung

"Nichts schmeckt so gut, wie schlank sein sich anfühlt" ist ein berühmtes Zitat von Size-Zero-Model Kate Moss. Körperform und Aussehen sind unumstrittene soziale Währungen unserer Gesellschaft. Besonders für Frauenkörper, die idealerweise schön schlank und gleichzeitig erotisch kurvig sein sollten heißt das: strapazierende Diäten und Schönheitsprozeduren. Wer hier als übergewichtig oder gar fettleibig auffällt, wird oft als faul oder dumm abgestempelt. Schließlich sieht man den betroffenen ja auf den ersten Blick an, dass bei ihnen etwas aus dem Ruder läuft. Da fallen auch schnell verachtende oder bemitleidende Blicke von Passanten auf der Straße bis zur eigenen Familie. 

Die Blicke verurteilen das Äußere aber können nicht nach Innen dringen. Die Frage die man sich also stellen sollte ist: Wieso ist dieser Körper so, wie er ist? Roxane Gay räumt mit Vorurteilen auf und zeigt anhand ihrer eigenen Lebensgeschichte, dass hinter einem übergroßen Körper viel mehr steckt, als man meistens denkt. Jeder Körper hat eine Geschichte und Roxana erzählt ihre. 

 

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Die 1974 in Omaha, Nebraska, geborene Roxane Gay wog zu ihren schlimmsten Zeiten 260kg bei einer Körpergröße von 1,90. Warum, erzählt sie in ihrem neuen Buch "Hunger" ©picturedesk.com, Richard Shotwell

Der Weg zur Besserung

Im Alter von 12 Jahren wurde Roxane – damals noch in einem zierlichen, fast unscheinbaren Kinderkörper – vergewaltigt. Erst wird der Missbrauch verschweigen. Die Eltern beobachten die Gewichtszunahme ihrer Tochter mit Besorgnis. Ihre Scham darüber, was passiert ist, lässt sie ihren Schmerz tief in sich hineinfressen. Opfer leiden häufig ihr Leben lang an den Folgen sexuellen Missbrauchs. Das drückt sich nicht selten durch Depressionen, Angststörungen und Suchtverhalten aus. So auch bei Roxane. Ihre Sucht wird das Essen. Sie tröstet sich damit, greift aber auch in guten Zeiten gerne zu. Immer vom Hunger getrieben.

In einem Interview mit der "Zeit" sagt Roxane Gay: "Der Hunger, den ich in meinem Buch beschreibe, steht für ein Verlangen, das nicht gestillt werden kann. Es ist ein Verlangen nach Essen, aber auch nach Akzeptanz und Zufriedenheit."

Durch dieses Verhalten erbaut sie über Jahre hinweg eine Festung aus Fett und Fleisch mit der sie sich wie mit einer Mauer vor der Außenwelt schützt. Gleichzeitig hasst sie ihren Körper und wünscht sich nichts mehr als dünn zu sein – einfach leichter.

In ihrem autobiografischen Buch "Hunger" bekennt sie sich zu ihrem Körper. Sie versteckt die Geschichte ihres Körpers mit all seinen Dehnungsstreifen und Fettrollen nicht, sondern legt sie radikal offen. Ohne Scham und ohne Kompromisse. Noch wird keine perfekte Vorher-Nachher-Geschichte erzählt, aber wie wir jetzt wissen, ist es nicht immer so einfach wie es scheint. Mit derzeit 70 Kilo weniger als zu ihrer Höchstzeit ist die Schriftstellerin auf dem Weg sich ihren Körper zurückzuerobern. Das Buch ist, auch für nicht-Betroffene, sehr zu empfehlen! Hier eine Leseprobe