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People | 06.11.2019

JUNGE HELDEN

Bei der „Women of the Year“-Gala am 27. November wird Klimaaktivistin Greta Thunberg ausgezeichnet. Sie hat die #FridaysForFuture-Schulstreiks initiiert. Drei Wiener FFF-AktivistInnen im Talk über Greta & den Zustand unserer Welt.

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Einsatz fürs Klima. Die Wiener „Fridays For Future“- AktivistInnen Florian, 19, Anna, 17, und Rachel, 26 gehen für den Klimaschutz auf die Straße. Sie fordern, dass die Politik konkrete Maßnahmen setzt, um den Klimakollaps zu verhindern. © Stefan Burghart

Vor knapp mehr als einem Jahr, im August 2018 während der verheerenden Dürre- und Hitzewelle, saß die schwedische Schülerin Greta Thunberg am ersten Schultag nach den Ferien allein vor dem Reichstag in Stockholm. Neben ihr: ein Schild mit der Aufschrift „Schulstreik für das Klima“. Mittlerweile umspannt die von der 16-Jährigen initiierte #FridaysForFuture-Bewegung den Globus. Am 27. September gingen beim „Earth Strike“ in Österreich rund 150.000 Menschen fürs Klima auf die Straße, weltweit waren es um die zwei Millionen, die für sofortige Klimaschutz-Maßnahmen protestierten. Im Rahmen der diesjährigen „Women of the Year“-Gala am 27. November wird Greta Thunberg als „Game ­Changer 2019“ ausgezeichnet: Sie hob die Klimakrise ins kollektive Bewusstsein.

look! sprach mit drei Wiener „Friday for Future“ (FFF)-AktivistInnen, die fürs Klima auf die Straße gehen. Die 17-jährige Schülerin Anna, Student Florian, 19, und Studentin Rachel, 26, fordern, dass die Politik sofort eine Trendwende in Bezug auf Treibhausgas­emissionen einleitet, da wir vor einem Klimakollaps stehen. Den jungen Menschen ist vor allem auch Klimagerechtigkeit wichtig – der durch die Menschheit verursachte Klimawandel stellt ein ethisches und politisches Problem dar.

look: Greta Thunberg hat den weltweiten Aktionismus fürs Klima angestoßen, sie hat die Massen mobilisiert. Jetzt wird sie in Wien als „Game Changer“ ausgezeichnet. Was bedeutet euch das?

Anna: Greta hat gezeigt, dass man als junger Mensch etwas bewegen kann. Das ist sehr ermutigend. Wir lassen uns von ihr inspirieren. Mittlerweile ist
FFF eine weltweite Klimabewegung, die ­alles revolutioniert hat.

Rachel: Für die Klimabewegung ist Greta ein Glücksfall. Sie hat die Klimakrise ins Bewusstsein der Menschen gebracht und etwas Großes ausgelöst. Es lastet aber viel Druck auf ihr. Ich hoffe, dass sie das wegstecken kann. Warum habt ihr euch FFF angeschlossen?

Anna: Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen interessieren mich schon lange. FFF habe ich mich im Mai angeschlossen, weil diese Bewegung von der Jugend ausgeht. Und ich kann Menschen, die von der Klimakrise betroffen sind, ein Stimme geben.

Rachel: Ich war im März beim weltweiten Klimastreik dabei. Ab diesem Zeitpunkt habe ich mich für FFF engagiert. Für mich steht der soziale Aspekt im Vordergrund, die Klimagerechtigkeit, dass niemand unter den Folgen des Klimawandels leiden muss. Ich habe abends ein warmes Bett, aber mir ist bewusst, dass es Menschen gibt, die nicht hier geboren wurden und denen es nicht so gut geht.

Florian: Ich habe Gretas Aktionen schon früh verfolgt, richtig beeindruckt hat mich dann ihre Rede bei der UN-Klimakonferenz in Kattowitz im vergangenen Dezember. Ich beschäftige mich auch schon lange mit Nachhaltigkeit, ich achte darauf, wo ich einkaufe und wie viel – ich brauche z. B. nicht 30 Pullis. Ich war auch schon mit 12 Jahren Vegetarier.

 

 

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Fürs Klima ist Greta ein Glücksfall. Sie hat das Problem den Menschen bewusst gemacht. – Rachel, Studentin © Stefan Burghart

Was sind die größten Erfolge von FFF in Österreich?

Florian: Die größte Errungenschaft ist der nationale Klimanotstand, der mithilfe der Initiative FFF zustande gekommen ist – im Austausch mit den Parlamentsparteien, mit denen gemeinsam der Antrag erarbeitet und dann auch durchgebracht wurde. Es geht um Forderungen, dass die kommende Bundesregierung u. a. das 1,5-Grad-Ziel des Pariser Abkommens erreicht.

Rachel: Auch die drei weltweiten Streiks sind große Erfolge. Jener am 27. September war eine der größten Demos in Österreich. Da tut sich etwas, denn es sind zwei verschiedene Dinge, ob man sich nur in den sozialen Medien engagiert oder tatsächlich auf die Straße geht.

Florian: In Bregenz war’s die größte Demo in der Zweiten Republik.

Rachel: Die haben das Problem ja vor der Haustür, da schmelzen die Gletscher ab.

Die Klimakrise ist eine von Wissenschaftlern belegte Tatsache. Wie erklärt ihr euch, dass manche Menschen den Klimawandel negieren – indem sie etwa sagen, dass es im Laufe der Erdgeschichte immer wieder Klimaschwankungen, Kälte- und Hitzeperioden gegeben hat?

Rachel: Ich denke, dass manche Menschen so heftig reagieren, weil sie sich angegriffen fühlen, weil ihr Lebensmodell infrage gestellt wird. Ich bin aber sicher, dass auch die Klimaleugner wissen, wie ernst die Lage ist. Wir haben nur diese Erde, unsere Ressourcen sind begrenzt. So wie wir in Wohlstandsgesellschaften z. B. in Österreich und Deutschland leben, verbrauchen wir viel zu viele Ressourcen. ­Würde jeder Mensch auf unserem Planeten – egal ob in Kambodscha oder in Namibia – so leben wie wir, bräuchten wir drei Erden für die Ressourcen, für unser tägliches Leben. Es gibt aber nur eine Erde. Und die ist aufgrund unserer Rücksichtslosigkeit ein Auslaufmodell, so wie unsere Lebensmodelle. Aber natürlich gibt es Menschen, die sehenden Auges in den Untergang ­laufen, die sagen: Mir ist das Geld ­wich­tiger, mir ist mein Lebensmodell ­wichtiger, ich will nichts ändern.

Anna: Ich glaube, dass alle wissen, dass das Klima von uns Menschen ­beeinflusst wird. Aber sie realisieren die Dringlichkeit nicht, sie verstehen nicht – oder wollen nicht verstehen – dass sofort etwas getan werden muss.

Wie erklärt ihr euch die heftigen ­Anfeindungen gegen Greta?

Florian: Manchen fällt es schwer zu akzeptieren, dass ein so junges Mädchen so viel anstößt, eine so riesige Debatte entfacht und dabei fachlich superkompetent ist. Greta argumentiert ja faktenbasiert. Vermutlich ist das für manche schwer zu verdauen, dass ein 16-jähriges Mädchen erklärt, wie man zu leben hat und dass man sein Leben ändern muss.

 

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Manche können nicht akzeptieren, dass ein Mädchen wie Greta erklärt, wie man leben soll. – Florian, Student © Stefan Burghart

Was fordert ihr von der Politik?

Anna: Die Klimakrise muss Thema Nummer eins in der Politik sein. Sie ist das größte Problem der Menschheit. Und um dieser Krise zu begegnen, ist es nötig, dass alle Parteien zusammenarbeiten und an einem Strang ziehen. Es geht ja um die Zukunft von uns allen. Die Politik ist auch dafür verantwortlich, den Menschen klarzumachen, wie wichtig sofortige Maßnahmen sind. Wenn alle die Dringlichkeit realisiert haben, werden sie auch unpopuläre Maßnahmen unterstützen, wie etwa den Autoverkehr einzudämmen.

Rachel: Ich fordere von der Politik, dass gehandelt wird – nach den wissenschaftlichen Fakten, die vorliegen.

Florian: Es muss ein totales Umdenken in der Politik stattfinden. Beim Wohnungsbau werden etwa innovative nachhaltige Möglichkeiten nicht genutzt, weil sie zu teuer sind. Der Staat muss aber darauf schauen, wenn er Aufträge vergibt, dass Alternativen genutzt werden, die CO2 günstiger, emissionsgünstiger sind. Es geht da etwa u. a. um Wärmedämmung und begrünte Dächer. Dass da nicht anders gehandelt wird, ist schon deshalb nicht zu verstehen, weil wir ja hohe Strafzahlungen an die EU wegen unserer viel zu hohen CO2-Emissionen leisten. Da frage ich mich schon: Warum wird dieses Geld nicht gleich in teurere, aber CO2-günstigere Maßnahmen investiert?

Ihr habt regelmäßig Kontakt mit ­PolitikerInnen. Wie ist euer Eindruck?

Anna: Wir haben fast wöchentlich Gespräche mit PolitikerInnen in den verschiedenen Ministerien, mit der Stadt Wien und mit den Parteien. Natürlich sind sie sich der Problematik bewusst, viele sind sehr motiviert und machen auch viel, aber teilweise sind ihnen die Hände gebunden. Da stehen ja auch viele Lobbys dahinter, aus der Wirtschaft und der Industrie. Ich glaube, Geld ist immer wichtiger. Das größte Gegenargument ist immer: Das ist viel zu teuer …

Wie stellt ihr euch die Zukunft in ­Bezug aufs Klima vor?

Florian: Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass eine Umkehr stattfindet.

Anna: Bald wird der Klimawandel dermaßen dramatische Auswirkungen haben, dass es keine andere Möglichkeit mehr gibt, als zu handeln. Die Sommer werden immer heißer werden, es wird immer öfter verheerende Unwetter und Überschwemmungen geben. Und die Bevölkerung wird realisieren, dass die Politik handeln muss.

Rachel: Schaut man sich die Fakten an, müsste man den Kopf hängen lassen. Aber es gibt auch Grund zu Optimismus. Die Probleme, vor denen wir stehen, sind ultrakomplex, weil wir in einer wahnsinnig komplexen Welt leben. Aber wir sind eine hochmoderne Gesellschaft, wir sind ziemlich schlau, haben ziemlich viel Wissen, sind technisch ziemlich fit. Genauso viel Probleme, wie die Moderne schafft, genauso viele Lösungsmöglichkeiten gibt es auch – das wäre meine Hoffnung. Bisher ist nur im Weg gestanden, dass die Klimaproblematik im ­öffentlichen Bewusstsein nicht ausreichend vorhanden war. Ich könnte mir generell eine Zukunft vorstellen, in der wir alle weniger arbeiten müssen bzw. gar nicht mehr arbeiten, um Geld zu verdienen, sondern dass es andere Gesellschaftsmodelle gibt, in denen wir mehr Freizeit haben und nicht fliegen müssen und trotzdem die ganze Welt sehen können. Wir denken immer, dass unser Lebens­modell in Stein gemeißelt ist. Aber es gibt viele Möglichkeiten, und diesbezügliche Überlegungen werden jetzt angestoßen, weil viele Menschen darüber nachdenken.

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Die Klimakrise muss Thema Nummer eins der Politik sein, sie ist das größte Problem der Menschheit. – Anna, Schülerin © Stefan Burghart

EARTH STRIKE – WIEN
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Greta Thunberg. Die damals 15-Jährige löste im Sommer 2018 eine weltweite Welle des Engagements für den Klimaschutz aus. © Austrian Summit

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Earth Strike. Am 27. September demonstrierten in Österreich 150.000 Menschen für den Klimaschutz. © Austrian Summit