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People | 11.03.2020

Kein Entkommen

Sie stand mit 17 Titel in der Spiegel-Bestellerlöste und hat eine Gesamtauflage von mehr als zwei Millionen Büchern. Die Wienerin Ursula Poznanski ist eine der erfolgreichsten deutschsprachigen Thriller-Autorinnen unserer Zeit.

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© Arman Rastegar

Als Ursula Poznanski vor vielen Jahren mit dem Schreiben fiktionaler Stoffe begann, hatte sie „keinen Masterplan, sondern ich dachte, Kinderbücher könnten ein nettes zweites Standbein sein“. Denn hauptberuflich arbeitete die gebürtige Wienerin als Medizinjournalistin und wollte all den Statistiken und Studien ein wenig Fantasie entgegensetzen. 2010 brachte sie den Jugendroman „Erebos“ auf den Markt – eine spannende Story, bei der ein Computerspiel die Welt der Spieler beeinflusst – und feierte damit ihren Durchbruch. Heute zählt sie mit einer Gesamtauflage von mehr als zwei Millionen Büchern zu den erfolgreichsten Autorinnen im deutschsprachigen Raum. Zurzeit sorgt Ursula Poznanski mit der „Vanitas“-Reihe für Furore, deren zweiter Teil „Grau wie Asche“ soeben erschienen ist.

Das Interview

look: Schreiben wollen viele, die wenigsten schaffen es. Wie sind Sie die Sache angegangen?

Ursula Poznanski: Eigentlich locker, nicht mit dem Gedanken, den Journalistenjob an den Nagel zu hängen. Ich habe mit Kinderbüchern angefangen, wo völlig klar war, davon würde man nicht leben können. Mir hat es unglaublich Spaß gemacht, das als Kehrseite der Schreibmedaille tun zu können. Wenn ich meine Texte mit Tabellen und Statistiken fertig hatte, war es total erholsam, in einen fiktionalen Text einzusteigen und ein, zwei Seiten am Tag zu schreiben.

 

17 Spiegel-Bestseller später: Wie erklären Sie sich diesen atemberaubenden Erfolg?

Ich glaube, das kann niemand. Ein bisschen liegt es sicher daran, dass es mir gelingt, den Mainstreamgeschmack zu treffen. Am Anfang braucht man auch den Rückenwind des Verlags, der einen pusht, und man braucht den Buchhandel hinter sich. „Erebos” war zwar mein Durchbruch, aber es ging nicht mit einem Peng los, sondern die Buchhändler haben das Buch speziell für lesefaule Burschen empfohlen. Das war Graswurzelmarketing. Das sind Außenfaktoren, auf die man gar nicht viel Einfluss hat.

 

Hat Sie das Schreiben reich gemacht?

Reich nicht. Aber wohlhabend.

 

„Grau wie Asche“ lautet der Titel von Band II der „Vanitas“-Reihe, der nicht gerade auf fröhliche Szenarien hinweist. Wohin führt die Reise Ihrer Hauptfigur Carolin diesmal?

Es spielt sich viel am Zentralfriedhof ab, wo Carolin in einer Friedhofsgärtnerei als Floristin arbeitet. Nach Band I ist nun klar, dass dieses Konstrukt, das sie sich kunstvoll aufgebaut hat, wonach man glauben sollte, sie sei tot, in sich zusammengefallen ist. Der russische Mafiaclan weiß, dass sie lebt, aber sie hofft sehr, dass er noch nicht weiß, wo. Sie ist also entsprechend nervös. Dann beginnen am Zentralfriedhof systematische Grabschändungen, es werden merkwürdige Zeichen auf die Grabsteine geschmiert, Leichen ausgebuddelt und Totenköpfe auf die Grabsteine gestellt, meistens noch mit einem Hühnerkopf zwischen den Zähnen. Alles schaut nach einem sadistischen Ritual aus, Carolin hat Angst, aufzufallen, weil dauernd Polizei und Presse auftauchen. Auf der anderen Seite ist sie neugierig und beobachtet vieles …

 

Ist es für Sie wichtig, dass Ihnen diese Frau sympathisch ist?

Mir ist wichtig, dass ich sie verstehen kann. Ich schreibe „Vanitas“ in der Ich-Perspektive, es würde also gar nicht funktionieren, wenn sie mir nicht sympathisch wäre. Sie ist natürlich in gewisser Weise extrem hart, aber auch sehr von Angst getrieben, nicht immer rational, aber das reflektiert sie auch. Das muss sie. Sie hat aber auch lustige Tarnmechanismen.

 

Welche Rolle spielt die Recherche und wie viel Zeit verwenden Sie dafür?

Ich mache Vorabrecherche nur dann, wenn klar ist, was ich brauchen werde. Ich lese nicht fünf Fachbücher und filtere dann etwas heraus, sondern ich weiß ganz genau, welche Punkte ich recherchieren muss. Häufig geht das über Fachliteratur, häufig aber auch über Personen aus bestimmten Bereichen – wie bei „Vanitas I“ zum Beispiel die Baubranche –, die einem aus der Praxis Dinge erklären können. Weiß ich, ob eine Baustelle nachts bewacht wird, ob man jemandem einen Aufzug auf den Kopf fallen lassen kann, ob man eine Person in einer Verschalung einmauern kann? Geht das? Das muss ich mit jemandem besprechen, der es weiß.

 

Gibt es Menschen, die Angst vor Ihrer Fantasie haben?

Im direkten Kontakt nicht (lacht).

 

Lassen weibliche Autoren anders morden als ihre männlichen Kollegen?

Nein, das glaube ich nicht. Frauen morden in der Praxis ja gerne mit Gift, nicht unbedingt mit der Axt, meine Täter aber gehen schon in die Vollen. Das ist auch immer abhängig davon, wie die mordende Figur gestrickt ist. Ein Mafiaboss mordet möglichst plakativ, weil es ja eine abschreckende Wirkung haben soll, der drückt dem Opfer nicht sanft das Kissen auf den Kopf.

 

Sie veröffentlichen neben Thrillern sehr erfolgreich Kinder- und Jugendbücher. Brauchen Sie das als Ausgleich zu Mord und Totschlag – oder eher umgekehrt?

Weder noch, das hat sich so ergeben. Die Jugendbücher waren zuerst da – mit den Kinderbüchern habe ich übrigens abgeschlossen – und die machen mir großen Spaß. Da kann ich viel mehr herumspinnen, ohne dass ich gleich einen Wissenschafts-Thriller daraus machen muss, da kann ich Sachen in den Raum werfen und mich auf die Geschichte konzentrieren. Dafür muss ich mich beim Erwachsenenbuch bei der Wortwahl überhaupt nicht zurücknehmen. Das eine balanciert das andere sehr gut aus – ohne dass es so geplant war.

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BAND II. Der aktuelle zweite Teil der „Vanitas“- Reihe mit Hauptfigur Carolin Springer auf der Flucht vor einem brutalen Verbrechersyndikat spielt großteils auf dem Wiener Zentralfriedhof. Knaur, Paperback, 400 S., € 17,50. ©beigestellt