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People | 04.05.2018

Man muss sich dem Leben stellen!

Multitalent. Schauspieler, Fotograf, Maler, UNICEF-Botschafter und nun auch Schriftsteller. Hardy Krüger jr. im sehr persönlichen Talk über seinen größten Verlust, die überwundene Sucht und das Roman-Debüt.

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"Wenn ich nur mit meiner Familie bin, dann bin ich der glücklichste und zufriedenste Mensch." - Hardy Krüger jr. © Stefan Diesner

Dass die erste Auflage seines Debütromans „Der leise Ruf des Schmetter­lings. Eine Erzählung über Liebe, Verlust und die Kraft des Augenblicks“ bereits kurz nach Erscheinen vergriffen ist, freut ihn sehr, wie er beim Interview im Hotel Altstadt Vienna gesteht. Denn die Idee zum Buch kam von anderen, nicht zuletzt von der Verlags­chefin. Und als er dann zu schreiben begann, habe er zuerst gar nicht gewusst, wohin die Reise gehen würde. Erst beim Aufbau bzw. Entwickeln der Figuren hätten sie angefangen, mit ihm zu reden, verrät der 49-jährige Schauspieler, dessen Roman viele autobiografische Züge aufweist.

Nie aufgeben. Auch über seinen schlimmsten Schicksalsschlag, den Verlust seines acht Monate alten Sohnes Paul-Luca (2011), der an plötzlichem Kindstod starb, erzählt er sehr offen. Ganz überwinden werde er diesen Schmerz nie, denn alles habe sich seither verändert. Dennoch: Wichtig ist, sich dem Leben zu stellen und nicht davonzulaufen oder zu resignieren, das gilt sowohl für seinen Protagonisten David als auch für ihn. Nun strahlt er wieder, denn erst vor kurzem hat er im Tiroler Seefeld zum dritten Mal geheiratet: Alice Rößler, 40, (bei ihr war es übrigens das vierte Mal) brachte – zu seinen eigenen vier Kindern – noch drei in die Ehe mit. Für den Familienmenschen ein großes Geschenk.

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Happy. Gerade in Tirol geheiratet und in Oberösterreich daheim: Krüger jr., 49, und seine Frau, PR-Managerin Alice Rößler, 40. © picturedesk.com

look: Sie schreiben und beschreiben auf eine eigene, sehr schöne Weise. Und man spürt große Authentizität. Wieso ein Roman und keine Biografie?

Hardy Krüger jr.: Weil ich versuche, Bilder zu schaffen und zu vermitteln, und ich kann Dinge umschreiben, die ich in einer Autobiografie nie schaffen würde. Nicht zuetzt, weil ich befangen wäre. Beim Schreiben konnte ich plötzlich Türen öffnen, die bisher ganz schön fest verschlossen waren, vor allem vor auch mir selbst, und durch das Schreiben habe ich meine Perspektiven geändert, weil ich eben vieles, was mir passiert ist, anders betrachten konnte. Zudem habe ich Antworten gefunden, auf die ich sonst nie gekommen wäre.

 

Rituale spielen sowohl im Buch als vermutlich auch im realen Leben eine große Rolle ...

Ja, Rituale waren eine große Hilfe, mich auf den Moment zu konzen­trieren. Mein mich damals behandelnder Arzt – ich war ja Alkoho­liker – riet mir: „Versuch nur an die nächsten 24 Stunden zu denken, nicht weiter.“ Und jede Kleinigkeit, die man macht bzw. schafft, größer und ganz bewusst zu machen. So wie man es auch in der Schauspielschule lernt: die Tasse zu heben und zu trinken, zum Beispiel. In kleinen Schritten zurück ins Leben.

 

Ihr Romanheld David landet auf der Intensivstation. Gestatten Sie daher die Frage: War Suizid je ein Thema in Ihrem Leben?

Nein, aber es war so, dass meine Organe ab einem bestimmten Punkt versagten, weil ich eben so viel gearbeitet, aber nicht geschlafen habe. Ich war dann tatsächlich auf der Intensivstation und schon auf der anderen Seite, aber ich wurde zurückgeholt ins Leben und da fängt man an nachzudenken. Alkohol habe ich getrunken, um ruhig zu bleiben, mich konzentrieren zu können und nicht durchzudrehen. Man hat es nicht gemerkt, dass ich getrunken hatte.

 

Kann man diesen Schmerz überhaupt je überwinden?

Nein, und Redewendungen wie „Die Zeit heilt alle Wunden“ sind Riesenblödsinn. Das Leben ist danach nie mehr so wie vorher. Man lernt aber auch vieles, wie etwa keine Angst mehr vor dem Tod zu haben und sich damit auf andere Weise zu befassen.

 

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Inspirierend. Krüger jr. dreht heuer noch einen Kinofilm, eine dreiteilige TV-Doku mit einem Koch (er selbst ist übrigens auch gelernter Koch) und der zweite Roman soll im Herbst fertig werden. © Stefan Diesner

Sie betonen im Buch mehrmals, dass wir Menschen alle miteinander verbunden sind und deshalb miteinander achtsam und liebevoll umgehen sollten  ...

Ja, unbedingt. Wir atmen alle die­selbe Luft und wir sollten auch mit uns selbst liebevoll umgehen.

 

Das klingt alles sehr spirituell.

Das ganze Leben ist Spiritualität. Es kommt nur darauf an, ob man sich dem öffnet und dem Leben vertraut, oder eben nicht. Aber das kann man nur, wenn man intensiv bzw. bewusst lebt.

 

Dieser Schicksalsschlag hat sicherlich auch ein Umdenken bewirkt ...

Sicher. Man hat viele Fragen, die unbeantwortet bleiben. In meinem Fall war es so, dass ich in der Trauerarbeit vereinsamt bin. Freunde wechselten die Straßenseite, weil sie nicht wussten, wie damit umgehen. Manche fielen komplett weg. Ich konnte mit niemandem reden. Männer und Frauen trauern ja unterschiedlich. Bei mir war es eher die Kommunikation und eine Organisation in Hamburg für verwaiste Eltern und Geschwister, wo ich inzwischen auch mitarbeite, die mir sehr geholfen haben. Weil ich mich aussprechen und mit anderen Betroffenen reden konnte.

 

Sind Sie gläubig?

Ja, sehr, aber ich betrachte mich eher als Buddhist denn als Katholik. Was hauptsächlich damit zu tun hat, dass mein Sohn kurz nach seiner Taufe verstarb, und ich natürlich damals auch eine große Wut auf Gott und die Kirche hatte. Ich habe aber versucht, meinen inneren Frieden zu finden, und nun bin ich ein entspannter Mensch, lebe mit mir und meiner Umgebung im Einklang.

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Sonnig. Nach dem Interview im Hotel Altstadt Vienna gab’s auch ein gemeinsames Foto. Hardy Krüger jr. und Andrea Buday. © Stefan Diesner

Im Buch wird auch die Sehnsucht von David nach seinem Vater thema­tisiert. Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Vater, der vor kurzem seinen 90. Geburtstag feierte?

Es gibt Kontakt, ganz klar, denn Vater bleibt Vater. Aber ich versuche nichts zu erzwingen. Er ist aber ein Mann, der sich für die Karriere und nicht für die Familie entschieden hat. Und er hat beschlossen, sich mit seiner dritten Frau zurückzuziehen und mit ihr zu leben. Das ist sein Weg und den respektiere ich. Wir sind zwei verschiedene Generationen – wie ich es auch im Buch schreibe – und die Nachkriegsgeneration unserer Eltern ist eben eine andere. Sie reden weniger über Gefühle, sind in Trümmern aufgewachsen, mussten auf vieles verzichten und waren Gefahren ausgesetzt. Das prägt Menschen und auch ihr Älterwerden.

 

Und die Beziehung zu Ihrer Mutter, der Malerin Francesca Marazzi?

Die ist sehr gut, sie lebt in Lugano in der Schweiz, wo ich ja auch geboren wurde. Während des Schreibens, also in dem Moment, in dem David seine Mutter trifft, habe ich realisiert, dass ich vieles vernachlässigt habe und einem die Zeit davonläuft. Das nehme ich mir selbst übel. Jetzt planen wir aber eine gemeinsame Ausstellung, vielleicht sogar in der Schweiz und dann noch in Linz.

 

Sie feiern am 9. Mai Ihren 50. Geburtstag. Wie fühlt sich das an?

Ich finde es toll! Solange man sich dort kratzen kann, wo es juckt, ist alles in Ordnung (lacht). Krise? Nein, die hatte ich bereits mit 28! Ich lebe ein ganz normales Leben und ich lebe auch sehr zurückgezogen. Es braucht nicht viel, um glücklich zu sein.

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Sehr empfehlenswert

Sein Erstlingswerk

Eine Erzählung über Liebe, Verlust und die Kraft des Augenblicks. „Eine Hommage an des Leben“ nennt Krüger jr. sein erstes Werk. An der Fortsetzung schreibt er schon.

Text: Andrea Buday