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People | 04.05.2018

Mit ganzer Kraft

Die Witwe von Karlheinz Böhm hat turbulente Zeiten durchlebt. Nach dem Tod ihres Mannes war sie schwerwiegenden Vorwürfen ausgesetzt. Erstmals spricht sie nun über die bitterste Zeit in ihrem Leben.

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"Die Wahrheit wird immer siegen. So war es auch in diesem Fall." - Almaz Böhm über die Vorwürfe der Spenden-Veruntreuung. © Thomas Kirchmaier

Es ist ein sonniger Tag in Salzburg, Almaz Böhm kommt im luftigen Sommerkleid zum Interviewtermin in den Gastgarten des Hotel Sacher. Karlheinz Böhm, mit dem die Äthiopierin 23 Jahre verheiratet war, hätte im März seinen 90. Geburtstag gefeiert. Almaz, die Mutter seiner Kinder Aida (25) und Nicolas (27), hat ihrem „Ehemann, Lehrer, Geliebten und Lebensmenschen“ ein Buch gewidmet.

Manche sehen das fast dreihundert Seiten starke Werk, das die Erinnerung an den unvergessenen Schauspieler und Gründer der Äthiopien-Hilfe „Menschen für Menschen“ auf unterhaltende Art bewahren will, als Zurechtrücken eines ins Wanken geratenen Denkmals. Zu viel ist innerhalb der Familie vorgefallen, zu viele Vorwürfe standen im Raum, was den Umgang mit Spendengeldern betrifft. Rechtlich soll alles geklärt sein. Keiner hat Schuld.
Und doch hat sich Almaz Böhm vor zwei Jahren aus allen Funktionen der von ihr jahrelang geleiteten größten Hilfsorganisation in Afrika zurückgezogen. Einer Organisation, die sie und ihre Kinder – ginge es nach Karlheinz Böhm – in die Zukunft hätten führen sollen. Doch fast hat man den Eindruck, dass die Frau, die als erste Afrikanerin an der Spitze einer westlichen Hilfsorganisation stand und für über 700 MitarbeiterInnen verantwortlich zeichnete, mit dem Thema „Äthiopien-Hilfe“ abgeschlossen hat. Oder vielleicht doch nicht ganz.

 

 

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Exklusiv. look!- und Bundesländerinnen-Magazingruppe-Herausgeberin Uschi Pöttler-Fellner traf Almaz Böhm in Salzburg zum exklusiven Gespräch. „Ich vermisse meinen Mann jeden Tag …“ © Thomas Kirchmaier

look: Frau Böhm, geradeheraus gefragt: Ist das wunderbare Buch über Ihren Mann auch ein Versuch, das Image des großen Karlheinz Böhm und damit der Familie – nach all den Vorwürfen und Spekulationen, die im Raum standen – wieder geradezurücken?

Almaz Böhm: Nein, das war definitiv nicht der Grund, warum ich es verfasst habe. Ich dachte mir, wenn mein Mann noch am Leben wäre, würde ihn die Medienwelt zu seinem 90. Geburtstag richtig groß feiern. Aber er ist nicht mehr da. Deshalb habe ich das Buch für ihn gemacht. Er soll nicht in Vergessenheit geraten, nicht als Person verloren­gehen. Das Buch ist meine Ehrung, meine Hommage an Karl. Er hat mir unendlich viel gegeben und das ist meine Art, ihm auch posthum meine Liebe zu zeigen.

 

Wie haben Sie diese letzten Jahre erlebt, wo so viele Vorwürfe im Raum standen und der große Karlheinz Böhm von seinen eigenen Kindern (aus vergangenen Ehen) von einer dunklen Seite gezeigt wurde. Und wo Ihr gemeinsames Lebenswerk, „Menschen für Menschen“ (MfM), durch Vorwürfe der Spenden-Veruntreuung ins Wanken geriet?

Diese Zeit war schwer. Sehr schwer. Es sind viele Ungerechtigkeiten passiert. Auch für meinen Mann waren die letzten Jahre schwer. Familienangelegenheiten möchte ich nicht kommentieren und ich habe es mir zum Prinzip gemacht, über die Kinder von Karl aus seinen vergangenen Ehen weder positiv noch negativ in der Öffentlichkeit zu sprechen.

Zu den Spenden-Vorwürfen möchte ich Folgendes sagen: Die Wahrheit wird immer siegen, so ist es auch in diesem Fall. Ich habe während meiner gesamten Zeit bei MfM mein volles Engagement aus ganzem Herzen gegeben. Die Vorwürfe waren schwerwiegend, aber wurden von Wirtschaftsprüfern entkräftet. Trotzdem zählt die Zeit dieser Vorwürfe sicher zur bittersten in meinem Leben. Aber ich habe überlebt, weil letztlich eben die Wahrheit siegt …

 

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Familie. Die Erbstreitereien mit KHBs Kindern aus vergangenen Ehen möchte Almaz Böhm nicht kommentieren. Links beim Begräbnis mit ihren Kindern Aida und Nicolas. © picturedesk.com

Warum sind Sie dann aus allen Funktionen ausgeschieden? War das eine freiwillige Entscheidung?

Ich bin auf meinen eigenen Wunsch hin ausgeschieden. Das ist ein Prozess gewesen, schon als mein Mann so schwer krank gewesen ist. Ich musste meine Arbeit radikal reduzieren, um bei Karl sein zu können. Die Distanz zu MfM wurde spürbar. Dann ist mein Mann gestorben und nach einem Jahr der Trauerzeit habe ich angeboten, wieder voll in die Organisation einzusteigen. Mittlerweile kam es aber zu vielen Veränderungen in der Stiftung, die ich nicht mittragen konnte. Die Verantwortlichen gaben mir keinen Rückhalt und keine Unterstützung. Ohne Rückhalt kann niemand erfolgreich arbeiten. Also habe ich mich schweren Herzens dazu entschlossen, von allen Funktionen zurückzutreten.

 

Die Vorwürfe der Millionen Spenden-Einnahmen, die angeblich nicht in den Büchern vermerkt waren – sind die zur Gänze ausgeräumt?

Ja. Derjenige, der die Vorwürfe erhoben hat, wurde gerichtlich dazu verurteilt seine Website zu schließen und darf die Vorwürfe nicht mehr wiederholen.

 

Warum, Frau Böhm, haben Sie dann Ihr Lebenswerk und das Ihres Mannes praktisch aufgegeben? Das scheint doch völlig unverständlich …

Ich weiß, das ist auch schwer zu verstehen. Sehen Sie, solange mein Mann noch gelebt hat, war die Welt bei „Menschen für Menschen“ noch in Ordnung. Seit seinem Ableben gab es eine fortwährende Entfremdung und es wurde mir deutlich vermittelt, dass ich keinen Rückhalt mehr habe. Es gab auch keine Diskussions-Möglichkeiten. Ich habe meinem Mann versprochen, die Stiftung in seinem Sinne weiterzuführen, aber ich haben seinen Sinn in der Stiftung nicht mehr wiedergefunden. Das schmerzt mich sehr. MfM war mein Leben, mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich dafür gearbeitet. Kein Wochenende, keinen Feiertag eingehalten. Ich habe meine ganze Kraft und Energie in die Hilfsprojekte gesteckt. Aber wenn du spürst, dass deine Hilfe nicht mehr erwünscht ist, dann ist es Zeit zu gehen.

 

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Lebensglück. 23 Jahre lang waren Almaz und Karlheinz Böhm verheiratet, vor vier Jahren starb der „Menschen für Menschen“-Gründer in ihren Armen in Salzburg. © Getty Images

„Menschen für Menschen“ wird jetzt ohne Sie in die  Zukunft geführt. Beobachten Sie die Arbeit der Organisation von außen?

Nein, das kann ich nicht. Ich fahre zwei- bis dreimal im Jahr nach Äthiopien und besuche meine Familie und meine Freunde. Und ich habe auch einen Wohnsitz dort. Aber ich schaue nicht nach „meinen“ alten Projekten. Man soll nicht zurückschauen. Ich werde auch nicht für immer nach Äthiopien zurückgehen. Meine Kinder sind hier in Österreich. Mein Mann ist in Salzburg begraben und den will ich besuchen.

„Menschen für Menschen“ fehlt jetzt die Integrations-Figur. Wünschen Sie sich, dass es mit der Organisation weitergeht?

Sicher, das wünsche ich mir für die Menschen in Äthio­pien. Ich wünsche mir, dass alle Menschen dort die Hilfe bekommen, die sie brauchen.  

 

Wie gehen Sie in die Zukunft, was sind Ihre Pläne?

Ich habe keine konkreten Pläne, doch es mangelt mir nicht an Arbeit. Ich habe letztes Jahr den Nachlass meines Schwiegervaters an die Bibliothek der Uni in Salzburg übergeben, und ich arbeite gerade den Nachlass meines Mannes  auf. Ich habe so viele wertvolle Zeitdokumente im Haus gefunden! Seit mein Mann vor vier Jahren gestorben ist, habe ich wahnsinnig viel gearbeitet und geordnet. Der Nachlass meines Mannes geht an die Akademie der Künste in Berlin. Eigentlich habe ich gar keine Zeit, um über die Zukunft nachzudenken. Ich habe auch die letzten 30 Jahre nicht geplant. Es ist gekommen, und ich habe es angenommen. Ich habe jetzt das Alter erreicht, in dem Karl sein Leben geändert hat. Danach hat er noch über dreißig Jahre glücklich gelebt. Das erhoffe ich auch für mich.

 

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Menschen für Menschen. Im Oktober 1981 flog Karlheinz Böhm erstmals nach Äthiopien und gründete „Menschen für Menschen“. 2017 besuchte Uschi Pöttler-Fellner zusammen mit MfM-Botschafterin Sara Nuru die Organisation vor Ort. © Menschen für Menschen

Ihr Haus in Grödig bei Salzburg haben Sie verkauft …

Ja, ich habe mir eine Wohnung genommen. Und natürlich ist es nicht möglich, ein ganzes Haus mit Inhalt in eine Wohnung zu übersiedeln. Das war harte Arbeit, denn als wir noch als Familie dort gelebt haben, hätte ich nie gedacht, dass ich von hier einmal ausziehe. Auch das war ein schwerer Prozess. Wir haben über 20 Jahre in diesem Haus gelebt, so unendlich viele glückliche Momente erlebt. Doch für mich allein ist das Haus einfach zu groß geworden.

 

Frau Böhm, wie treten Ihnen die Menschen gegenüber, seit Ihr Mann nicht mehr lebt?

Unterschiedlich. Es gibt Menschen, die mir noch immer sehr verbunden sind, und neue Freundschaften. Und es gibt Leute, die mir den Rücken zugekehrt haben. Wie immer im Leben. Meine Salzburger Freunde sind mir geblieben.

 

Fehlt Ihnen Ihr Mann noch immer jeden Tag, wie Sie einmal in einem Interview gesagt haben?

Er fehlt mir jeden Tag, doch der Schmerz ist besser geworden. Ich ertappe mich trotzdem immer wieder, dass ich in Gedanken bei ihm bin. Mein Mann ist immer präsent, insofern ist die neue Wohnung gut. Im Haus war er allgegenwärtig, jetzt habe ich Zeit, durchzuatmen und mit all meinen Erinnerungen neu zu beginnen. Und ich besuche meinen Mann oft auf dem Friedhof. Dort bin ich ganz bei ihm und bilde mir ein, dass er mich beschützt. Und anlächelt …

 

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Hommage an Khb. Karlheinz Böhm – Freunde und Wegbegleiter erinnern sich. Herausgegeben von Almaz Böhm, Leykam Buchverlag