Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 14.10.2020

„NICHT IN ALTE ROLLENKLISCHEES ZURÜCKFALLEN“

Wien hat gewählt.Bürgermeister Michael Ludwig im Gespräch über die Herausforderungen der nächsten Jahre. Plus: So will er Frauen unterstützen.

Bild BM Michael Ludwig_Interview Silvia Meister_180920_(c) Bubu Dujmic_010.jpg
© Bubu Dujmic

"Wir haben schon ganz andere Krisen gemeistert."

Entspannt und gut aufgelegt – der Dauerstress scheint Bürgermeister Michael Ludwig nichts anzuhaben. Wenige Tage vor der Wahl und von früh bis spät bei Terminen im Einsatz, zeigte sich der SP-Politiker beim Interview in seinem Büro im Wiener Rathaus dennoch gelassen wie immer, charmant und humorvoll.

Seit Mai 2018 ist der promovierte Politikwissenschaftler Michael Ludwig, 59, Bürgermeister. Anlässlich der vergangenen Wiener Landtags- und Gemeinderatswahlen am 11. Oktober sprach look! mit ihm über herausfordernde Zeiten und seine Pläne für die Stadt.

look!: Durch die Coronakrise hat sich der Berufsalltag verändert, viele arbeiten von zu Hause. Vor allem Frauen sind dadurch sehr belastet. Wie wollen Sie gegensteuern?

Michael Ludwig: Es gab und gibt eineverstärkte Hinwendung zu Homeoffice. Ein gesellschaftspolitischer Effekt ist, dass manche es als selbstverständlich betrachten, dass Frauen im Homeoffice eine Mehrfachbelastung stemmen – neben der beruflichen Tätigkeit die Kinderbetreuung übernehmen und den Haushalt schupfen. Es ist wichtig, diese Problematik immer wieder zu thematisieren, um zu verhindern, dass das konservativ-reaktionäre Familienbild „Frauen zurück an den Herd“ durch Homeoffice einen neuen Schub bekommt.

Statistiken zeigen, dass insbesondere Frauen durch die Coronakrise von Arbeitslosigkeit betroffen sind. Gibt es konkrete Pläne für Hilfe?

Viele Frauen ab 50 haben durch die jetzige Wirtschaftskrise entweder ihren Job verloren haben oder sind ohne Perspektive in Kurzarbeit. Wir haben bereits mit der „Aktion 50plus“ begonnen – da werden zielgerichtet Frauen ab 50 eingestellt, etwa im administrativen Bereich in Schulen. Das macht doppelt Sinn: die Frauen haben einen guten Job, und wir gewinnen erfahrene Arbeitskräfte, die unsere PädagogInnen entlasten.

Außerdem sind jetzt ganz junge Frauen betroffen, die eine Lehrstelle suchen. Wir steuern da mit Lehrlingsstiftungen und überbetrieblichen Lehrwerkstätten dagegen. Wir müssen diese jungen Frauen auffangen und ihnen einen Start insBerufsleben ermöglichen. Sonst produzieren wir eine Generation Corona, die ohne Zukunftsperspektive frustriert zurückbleibt. Die Stadt Wien hat die Lehrstellen verdoppelt und wir wollen jetzt auch andere Betriebe dafür gewinnen, Lehrlinge aufzunehmen.

Eine Unterstützung für Frauen ist auch der kostenfreie Kindergarten. Bleibt es dabei?

Ja, denn der Kindergarten ist der erste Schritt ins Bildungssystem. Mit Beginn des Jahres sind wir mit der kostenfreien Ganztagsschule den nächsten Schritt gegangen. Sie bietet den Kindern optimale Möglichkeiten zu lernen und ihre Freizeit zu gestalten, etwa Sport zu betreiben. Frauen – in diesem Fall den Müttern – ermöglicht die Ganztagsschule, Vollzeit zu arbeiten, weil die Kinder gut untergebracht sind. Außerdem erspart die Ganztagsschule etwaige Nachhilfekosten.

Corona, Wirtschaftskrise, Klimawandel, Migration – was sind für Sie die wichtigsten Themen in den nächsten Jahren?

Im Vordergrund steht die Gesundheit der Bevölkerung. Ich bin stolz, dass wir die Entwicklung des Corona-Gurgeltests finanziell unterstützt haben. Er wird sicher zu einer Beschleunigung der Teststruktur führen. Wir haben auch für die Grippewelle vorgesorgt und dreimal soviel Impfstoffe wie in den vergangenen Jahren eingekauft. Jeder, der will, kann sich ab sofort gegen Influenza impfen lassen.

Ein wichtiges Thema in den nächsten Jahren werden natürlich die Auswirkungen der Coronakrise auf den Wirtschaftsstandort Wien sein – da werde ich um jeden Arbeitsplatz kämpfen. Es gibt aber auch Themen, die schon vor der Coronakrise relevant waren, wie der Klimawandel. Und bei Umwelt- und Klimaschutz haben wir in Wien in den vergangenen Jahren, sehr, sehr viel getan. Ich habe den Ehrgeiz, dass wir Klimaschutzstadt Nummer eins werden.

Was ist das Besondere an Wien?

Wien ist eine der lebenswertesten Städte der Welt. Ich werde alles daran setzen, dass das so bleibt. Wien hat als Großstadt 53 Prozent Freiflächen, Grünraum. Das war und ist möglich, in dem große Brachflächen, wie alte Fabriken, so zu Wohn- und Arbeitsraum umgebaut wurden, dass Grün integriert werden konnte. 14 Prozent der gesamten Grundfläche von Wien wird sogar landwirtschaftlich genutzt. Es wird so viel Gemüse angebaut, dass wir uns in manchen Monaten autark versorgen könnten. Als Großstadt exportiert Wien Gemüse in andere Bundesländer – das ist weltweit einzigartig. Indikator für die gute Lebensqualität in Wien ist für mich auch, dass wir am Dach des Rathauses Bienenstöcke haben und biologischen Honig produzieren. Wo Bienen heimisch sind, ist die Umwelt gesund.

Was empfinden Sie als Ihre bisher größte Leistung als Bürgermeister?

Dass ich das Miteinander in der Stadt in den Vordergrund gerückt habe, weil ich denke, dass wir die großen Herausforderungen, die auf uns zukommen – nicht nur in der Coronazeit –, nur gemeinsam meistern können.

Wien ist seit März im Krisenmodus. Wie lange kann man das noch aushalten?

Wir sind in einer schwierigen Situation, aber unsere Vorgänger-Generationen haben ganz andere Krisen gemeistert, etwa Krieg und Nachkriegszeit. Wien ist resilient, weil wir auf das Miteinander setzen und weil wir Zukunftsoptimismus haben.

Aber es wird wohl Abstriche beim Wohlstand geben ... ?

Als die Bundesregierung anlässlich der Coronakrise unter dem Motto „Koste es, was es wolle“ Milliarden zur Verfügung gestellt hat, habe ich sofort angemerkt, dass man daran denken sollte, wer diese Milliarden – die leider nicht immer dort ankommen, wo sie benötigt werden – letztendlich zu bezahlen hat. Und ich habe von Beginn an gesagt, das werden sicher nicht die Pensionisten und die ArbeitnehmerInnen sein können. Da ist noch eine Diskussion zu führen.