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People | 07.05.2020

Oper für Herz & Hirn

Nach vielen Jahren im Ausland kehrt der erfolgreiche Musikmanager Bogdan Roščić als künstlerischer Leiter der Wiener Staatsoper in seine Heimat zurück – mit vielen Ideen im Gepäck.

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Bogdan Roščić ©Stefan Joham

Eigentlich hatte ich mit einem Interview per E-Mail oder Skype gerechnet, aber Bogdan Roščić macht es lieber persönlich - mit gebotenem Abstand versteht sich. Der 56-Jährige ist groß und sehr schlank. Bis zu seinem zehnten Lebensjahr sprach der geborene Belgrader kein Wort Deutsch. Damals kam er mit der Familie nach Linz, und in der ersten Klasse Gymnasium hatte er bereits ein „Sehr gut“ in Deutsch. „Das hat einfach funktioniert“, erzählt er. 

Zur Musik fand Bogdan Roščić erst mit 14, dafür dann aber umso heftiger. Als Sohn zweier Ärzte wollte auch er Arzt werden. „Gott sei Dank hat mir rechtzeitig gedämmert, dass das nichts für mich ist. In Rekordzeit habe ich versucht, in mich hinein zu studieren, was ich konnte, Konzertgitarre, Querflöte, Musiktheorie.“

Seine Laufbahn startete er als Journalist, danach war er Musikchef bei Ö3, wechselte dann zu Labels wie Universal, Decca, Deutsche Grammophon – um zuletzt als Präsident von Sony Classical große Karriere zu machen. Im weltweiten Musikbusiness arbeitete er u. a. mit Stars wie Anna Netrebko, Jonas Kaufmann und Juan Diego Flórez. Ehrgeizig, kompetent und gleichzeitig bescheiden wirkt der Top-Manager und Vater von drei Kindern im Gespräch. Vieles wird neu unter seiner Führung der Wiener Staatsoper, so überlegt er etwa, die Funktion der „Opernball-Mutti“ abzuschaffen und stattdessen ein Komitee einzusetzen. Auch Richard Lugner wird es künftig wohl schwerer haben, eine Loge zu bekommen. Dafür stehen Sensations-Premieren wie etwa Wagners „Parsifal“ mit Elina Garancâ und Jonas Kaufmann an.

 

look!: Ihr Direktionsantritt fällt in eine schwierige Zeit, worin sehen Sie die Herausforderungen, aber auch Chancen?

Bogdan Roščić: Die Chance liegt darin, dass uns vor Augen geführt wird, wie kostbar das ist, was in diesem Haus Abend für Abend stattfindet. Die Herausforderungen aufgrund der Pandemie liegen einfach darin, dass man die Pläne überhaupt verwirklichen kann. Es gibt Lockerungen, aber wenn die Erkrankungen wieder steigen, könnten die auch wieder zurückgenommen werden. Die große Frage wird sein, wie verläuft die weitere Entwicklung? Ab wann kann man in welchem Umfang proben? Ab wann können unsere Gast-Künstler ins Land? Der Opernbetrieb ist sehr international, es gibt nichts Vergleichbares. An jedem beliebigen Tag arbeiten hier Menschen aus Dutzenden Ländern. Außerdem wird man sehen, wie das Publikum in der Zeit danach reagieren wird.

Sie haben sich Philippe Jordan als Musikdirektor gewünscht. Haben Sie schon einmal mit ihm gearbeitet?

Nein. Ich habe aber sehr genau sei- ne Laufbahn als Opern- und Konzert- dirigent mitverfolgt. Er ist ja beides, und beides auf demselben Niveau. Was mir vor allem präsent war, ist der Aufschwung, den die Pariser Oper in seiner Zeit genommen hat. Auch die Wiener Symphoniker haben mit ihm eine spektakuläre Entwicklung genommen.

Sie starten mit zehn Opern- und drei Ballettpremieren. Was waren Ihre Auswahlkriterien?

Es geht nicht um einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde, aber die hohe Zahl war mir wichtig. Weil wir bewusst ein Zeichen der Erneuerung des Kernrepertoires setzen wollen. Es sind einige Werke dabei, die nicht nur in Wien zu den meistgespielten gehören. Sie prägen das Erscheinungsbild, vor allem eines Repertoiretheaters. 

„Der Moment, in dem zum ersten Mal in der Oper wieder Musik erklingt, wird ungeheuer sein.“

 

Gute Sänger müssen heute auch hervorragende Schauspieler sein. Was ist wichtiger: Regie, Wort oder Musik?

Man gerät in eine Sackgasse, wenn man versucht, das gegeneinander anzusetzen. Es muss in der Oper darum gehen, dass das Drama nicht nur gesungen, sondern auch gespielt wird. In Mahlers Worten: „Rein musikalische Erfolge sind ja leider im Theater gar keine Erfolge.“

Sie legen Ihren Schwerpunkt auf Mozart, Wagner und Klassiker des 20. Jahrhunderts. Warum diese drei?

Das wird sich in allen Saisonen bis 2024/25 durchziehen. Und aus jedem dieser Schwerpunkte wird es zusätzlich zu anderen Dingen zumindest eine Neuproduktion geben. Weder für Mozart noch für Wagner muss man eine Lanze brechen. Und die klassische Moderne halte ich einfach für notwendig. Es gibt keine Verbindung zwischen den allerletzten Ausläufern spätromantischer Oper, etwa Richard Strauß, und der zeitgenössischen Produktion. Dazwischen liegt der Grand Canyon, man muss für das Publikum eine Brücke bauen.

Auch bei der Kinderoper haben Sie sich einiges vorgenommen ...

Sie ist nur eine von vielen Maßnahmen. Die Kinderoper hat hier eine schöne Tradition. Ich will sie noch stärker in das Haus holen. Wir planen zum Beispiel „Die Entführung aus dem Serail“ aus dem Hauptspielplan auch als Wanderoper für Kinder. An besonderen Orten der Staatsoper jagen die Kinder gemeinsam mit den Darstellern durchs Haus.

Sie haben als Klassikchef viel digital gehört. Oper ist analog und live. Wie geht es Ihnen damit?

Ich finde es gut, wenn Menschen bei Spotify oder anderen Anbietern überall auf der Welt Musik hören können, so preiswert und unkompliziert wie es noch nie möglich war. Aber es ist ein einsames Erlebnis. Im Haus hat man diesen unwiederbringlichen Moment in Gemeinschaft mit anderen, das ist etwas Atemberaubendes. Das kann man einfach überhaupt nicht vergleichen.

Wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Wiener Publikum?

Ich war selbst jahrzehntelang Teil des Wiener Publikums, das es als Monolith nicht gibt, sondern nur einzelne Menschen, darunter unglaubliche Kenner und absolute Philister. Die Staatsoper hat ein sehr treues und fokussiertes Stammpublikum, das sich aber auch erneuert.

In Wien glaubt jeder ein Musikex- perte zu sein. Stört Sie das?

Dann dürfte ich den Job auf keinen Fall machen. Das muss man sportlich nehmen und das Selbstvertrauen haben, dass man durch die Qualität seiner Arbeit und seines Mundwerks in dieser Welt bestehen kann. Alle stecken voller Meinungen, wie der Igel voller Stacheln (lacht).

Bild (c)www.stefanjoham.com-1254.jpg
Abstand ist der neue Anstand. Bogdan Roščić (mit Ursula Scheidl, Verfasserin dieses Interviews) möchte sich seiner Aufgabe als Direktor würdig erweisen. ©Stefan Joham