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People | 07.12.2020

Kategorie "WOMAN IN MEDIA": Petra Ramsauer, Autorin & Journalistin.

Petra Ramsauer berichtete als Reporterin aus den Kriegs- und Krisenregionen der Welt, war oft in Gefahr und erlebte unfassbare Gräueltaten. Künftig will die Autorin („Angst“) als Trauma-Therapeutin vom Krieg traumatisierten Menschen helfen. Das Interview. (Kategoriepartner: Marienkron)

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© Stefan Diesner

„Wer sich eingesteht, dass er Angst hat, trickst die atemraubenden Instinkte aus und bleibt handlungsfähig“

look!: Sie wurden bereits mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Concordia-Preis für Menschenrechte. Was bedeutet Ihnen die Auszeichnung „Women in Media 2020“?

Petra Ramsauer:  Das ist eine wunderbare Anerkennung meiner Arbeit. Da mir ganz besonders die Lage von Frauen in Krisengebieten immer ein großes Anliegen ist, freut mich diese Auszeichnung umso mehr, da ich merke, meine Botschaft kommt an. Oft sind dabei Geschichten, die Entsetzen auslösen, wie die fürchterliche Qual, denen Jesidinnen aus dem Irak ausgesetzt waren. Gleichzeitig ist die Berichterstattung von Krisen durch Frauen und über Frauen ein wichtiger Beitrag, um die Rolle der weiblichen Bevölkerung hervor zu streichen, wenn es darum geht, dass nach einem Krieg Stabilität aufgebaut wird. Wichtig ist mir, Frauen nicht eindimensional als Opfer, sondern auch als Akteurinnen darzustellen, deren Mitsprache gerade bei Friedensabkommen zentral ist.

Sie haben Politikwissenschaften und Journalismus studiert. Was war seinerzeit auschlaggebend, dass Sie sich entschieden haben, aus Kriegs- und Krisengebieten zu berichten und den sichereren Platz hinter dem Redaktionsschreibtisch aufzugeben?

Diese Fächer habe ich bereits mit dem klaren Ziel, Auslandsreporterin zu werden, gewählt. In der Politikwissenschaft bin ich seit 1987 auf den Nahen Osten spezialisiert, im Journalismus auf Reportage. Einen Job, der sich auf die Tätigkeit in einer Redaktion beschränkt, habe ich mir nie vorstellen können.

Sie haben aus dem Nahen Osten berichtet, aus Libyen, Ägypten, dem Irak und schwerpunktmäßig aus Syrien. Was war das erschütterndste Erlebnis?

Mit Sicherheit waren die unvorstellbaren Gräueltaten der Terrormiliz Islamischer Staat für mich die fürchterlichsten Momente meiner Tätigkeit. Dazu zählt vor allem die fürchterliche Gewalt, die auch sehr kleinen Mädchen angetan wurde. Daran denke ich sehr oft. Neben den Qualen, welche die Bevölkerung erlitten hat, zählen die Morde an meinen Journalisten-Kollegen zu den traurigsten und erschütterndsten Momenten.

Was haben Sie aus Ihrer Zeit als Kriegs- und Krisenreporterin mitgenommen?

Eine besonders hohe Sensibilität dafür, dass unsere Welt kein sicherer Ort ist und wir in Europa in einer regelrechten Oase von Wohlstand und Sicherheit leben. Eine Realität, die trotz Terrorgefahr und Pandemie für den überwiegenden Teil der Menschen schlicht unvorstellbar paradiesisch ist. So lernte ich natürlich zu schätzen, welches Glück es bedeutet, in Europa leben zu können. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass uns Kriege und Krisen betreffen, auch wenn sie woanders stattfinden. Das Elend der Flüchtlinge und die Entstehung von radikalen Extremistengruppen hat auch unser Leben verändert. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass wir einen noch viel größeren Beitrag zur Verbesserung der Lage in den Krisengebieten leisten müssen.

Sie waren mehr als 20 Jahre in Kriegs- und Krisenregionen unterwegs und dabei immer wieder in Lebensgefahr – etwa durch mögliche Entführungen oder durch das Gewehrfeuer von Scharfschützen. Haben Sie Angst vor dem Coronavirus?

Natürlich. Wir alle wissen, dass jeder und jede bei einer Infektion auch von einem schweren Verlauf der Krankheit betroffen sein könnte. Es gibt langwierige Erkrankungen durch das Virus, die das Leben nachhaltig beeinflussen. Überdies möchte ich meine alten Eltern nicht anstecken. Ich gebe enorm Acht darauf, gesund zu bleiben und habe auch in jenen Phasen, als keine Maßnahmen das öffentliche Leben einschränkten, meinen Alltag drastisch verändert und bin so gut es ging zu Hause geblieben oder nur draußen in der Natur unterwegs gewesen.

Was war ausschlaggebend, dass Sie sich vor wenigen Monaten entschlossen haben, dem  Journalismus den Rücken zu kehren und sich zur Trauma-Therapeutin ausbilden zu lassen, um künftig vom Krieg traumatisierten Menschen zu helfen?

Den Plan hatte ich immer schon, „später“ einmal Therapeutin zu werden und auch meine Doktorarbeit zu den Wechselwirkungen von Traumatisierung und Krieg zu verfassen. Aber wir kennen alle dieses „später“, das dann zu einem „nie“ wird. Den Anstoß, dieses Ziel doch noch in diesem Leben umzusetzen, gab für mich die Krise in der Medien-Branche, die besonders auf die Bezahlung von Honoraren und Spesen in der Auslandsberichterstattung massiv negative Folgen hat. Nun freue ich mich sehr, dass dieses Ziel in Reichweite rückt, auch wenn ich erst in Ausbildung bin. Und ich hoffe auch sehr, dass meine Erfahrungen zu den Bereichen Trauma und Krisenbewältigung auch Menschen bei uns helfen werden, mit schwierigen Lebenserfahrungen so gut wie möglich umzugehen.

Wo wollen Sie künftig helfen – hier in Österreich oder im Ausland?

Im Idealfall beides. Die Reaktionen auf mein neuestes Buch „Angst“ zeigen mir, dass viele Menschen das Gefühl haben, von meinem Wissen als Krisenreporterin etwas mitnehmen zu können. Ich vermute, dass die Kombination aus einer soliden Therapie-Ausbildung und meiner Erfahrung in Krisengebieten für manche Menschen in Europa ein spannendes Angebot für Hilfe ist. Wichtig ist mir, gleich ob ich in Österreich oder hoffentlich auch im Ausland – in Flüchtlingslagern zum Beispiel –arbeiten werde, dass ich mich auf schnelle, effiziente Krisenbewältigung spezialisieren kann. Langzeit-Therapien sind ein sehr wichtiger Bestandteil in der Trauma-Therapie, ich möchte aber vor allem an Konzepten feilen, die schnelle Hilfe bieten können.

Angst war ihr ständiger Begleiter, heuer haben Sie das Buch „Angst“ veröffentlicht. Wie begegnet man den bei uns üblichen Lebensängsten – was ist das wichtigste Tool gegen die Angst?

Mir einzugestehen, dass ich gerade Angst habe und die Unsicherheit nicht einfach übergehe. Indem ich mir laut vorsage, oder es wenigstens in Gedanken formuliere: Das macht mir jetzt Angst und es ist völlig ok, wenn ich mich fürchte und bang bin. – Dadurch rufe ich jenes Gehirnareal auf den Plan, in dem Reflexion und Nachdenkprozesse ablaufen. Ich trickse damit die schnelleren und oft atemraubenden Instinkte ein wenig aus und kann einen klaren Kopf behalten. Es gibt, finde ich, übrigens nichts, was nicht Angst machen darf. Sehr dicht anberaumte Termine genauso wie eine Flugreise. Sich selbst ernst nehmen und es zulassen, dass einem das nun halt Angst macht, löst ein Stück weit die aufkommende Panik.

Wo sehen Sie sich beruflich in zehn Jahren?

Da werde ich knapp über 60 Jahre alt sein und ich hoffe, als Trauma-Therapeutin schon etwas Erfahrung gesammelt zu haben und zur Hälfte in Österreich und zur Hälfte im Ausland zu arbeiten. Sehr, sehr gerne würde ich hier nicht nur selbstständig, sondern auch in Krankenhäusern oder Pflegeheimen arbeiten. Die Traumatisierung durch schwere Krankheiten, plötzliche Pflegebedürftigkeit, sind Bereiche, denen wir noch viel mehr unserer Energie widmen sollten. Wenn die Psyche, die Seele, Unterstützung bekommt, schwierige Phasen im Leben zu bewältigen, ist jeder Heilungs- und Adaptionsprozess effizienter.