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People | 01.11.2018

Wonder Woman

Giusy Versace. Die Nichte der Designer-Legenden Gianni und Donatella Versace verlor bei einem Unfall beide Unterschenkel. Doch mit immenser Willenskraft startete sie in ein neues Leben, holte Paralympics-Medaillen und wurde Politikerin. Jetzt ist die faszinierende Italienerin in Wien für einen look! „Women of the Year Award“ nominiert.

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Energiebündel. Ihre Sportkarriere hat Giusy auf Eis gelegt. Jetzt ist sie Politikerin, schreibt aber auch Bücher und engagiert sich als Präsidentin eines Invalidenverbands für die Anliegen der Mitglieder. „Durch die Tragödie des Unfalls habe ich neue Möglichkeiten und Wege für mein Leben gefunden“, sagt sie. © beigestellt

Es war ihr Auftritt bei den diesjährigen Filmfestspielen in Venedig, der Giusy Versace ins Bewusstsein der breiten Öffent­lichkeit katapultierte. Die Bilder der strahlend schönen Frau im grandiosen Kleid und mit zwei glitzernden Beinprothesen gingen um die Welt. In ihrer Heimat Italien war die 41-Jährige längst ein Superstar. Zwar stammt Giusy, eigentlich Giuseppina, aus der legen­dären Fashiondynastie Versace. Ihr Vater ist der Cousin des 1997 ermordeten Labelgründers Gianni und der ­aktuellen Versace-Chefin Donatella, 63. Doch es war Giusys eigene, ganz persönliche Geschichte, die sie aus dem Schatten der Familie hob. Giusy war als Modemanagerin tätig, allerdings nie im Imperium der Verwandtschaft. Alles lief großartig, bis zu jenem schicksalhaften Tag im August 2005, der ihr Leben in ein Davor und ein Danach teilte: Als Folge eines Autounfalls, mussten ihre beiden Unterschenkel amputiert werden. Aufgeben war danach nur kurz eine Option, dann kämpfte sie sich mit unglaublicher Kraft und eisernem Willen zurück ins Leben.

 

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Mit Tante Donatella Versace trifft sie sich regelmäßig. © Instagram

Zwei Jahre brauchte sie, um ohne Krücken und Rollstuhl zurechtzukommen. Dann ging es bergauf, der Sport – und da unglaublicherweise das Laufen – half ihr in ein neues Leben. Sie wurde immer stärker und schneller, erhielt spezielle Carbon-Prothesen und wurde zur Profiathletin, die bei den Paralympics Erfolge feierte. Ganz nebenbei ertanzte sich Giusy Versace den Sieg bei der italienischen Ausgabe der TV-Show „Dancing Stars“ und schrieb zwei Bücher.
 Ihre sportliche Karriere hat Giusy  derzeit auf Eis gelegt, denn seit ­Anfang des Jahres vertritt sie die Partei „Forza Italia“ im Parlament. Und sie ist Präsidentin des Invalidenverbands „Disabili No Limits Onlus“, für den sie sich enorm einsetzt. „Ich habe dem Tod ins Gesicht geschaut“, sagt sie. „Jetzt möchte ich allem, was ich mache, einen Sinn geben!“
Am 16. November kommt Giusy Versace, die mit ihrem Freund in Mailand lebt, nach Wien zur look! „Women of the Year“-Gala. Weil sie ein Symbol der Hoffnung und der Stärke ist, wurde sie in der Kategorie „Women of Excellence“ für einen Preis nominiert.  
Im Interview mit look! spricht die Italienerin über ihren schweren Schicksalsschlag und verrät, warum sie nie die Hoffnung verloren hat.

look: Können Sie sich noch an den Unfall erinnern, der Ihr Leben so brutal verändert hat?

Giusy Versace: Ja, sicher. Ich war in Italien auf der Autobahn unterwegs, nach einer Tunnelausfahrt hatte ich plötzlich Aquaplaning. Das Auto ­drehte sich und prallte gegen die Leitschiene. Diese drang ins Wageninnere ein und trennte mir beide Beine ab.

 

Sie sprechen fast emotionslos über dieses schreckliche Ereignis. Sie waren erst 28, als der Unfall passiert ist. Haben Sie nie mit dem Schicksal gehadert?

Was passiert ist, ist passiert. Man kann Geschehenes nicht rückgängig machen. Wichtig ist doch nur, dass es möglich ist, in all dem Schlechten auch etwas Schönes zu sehen. Man muss einfach an die Zukunft denken.

 

Haben Sie nie ans Aufgeben gedacht?

Oh, doch! Ich habe sogar sehr oft ans Aufgeben gedacht. Und ich habe mich immer wieder gefragt: Warum ist das gerade mir passiert? Ich war schon immer sehr gläubig, aber gerade in dieser schweren Zeit hat mir der Glaube an Gott sehr geholfen. Ich habe versucht, an die schönen Dinge des ­Lebens zu denken. Auch bei einer Reise nach Lourdes habe ich Antworten auf meine Fragen erhalten.
 

Wie haben Sie dieses schreckliche Ereignis verkraftet?

Ich habe versucht, dieses Erlebnis in meiner Biografie zu verarbeiten. Und ich habe viel gebetet, durch den Glauben an Gott und meine Liebe zum Leben habe ich es geschafft. Durch diese Tragödie habe ich neue Möglichkeiten und Wege für mein Leben gefunden.

 

Wer hat Ihnen durch diese schwere Zeit geholfen?

Meine Familie, mein Mann und Gott waren immer für mich da.

 

Sie haben sich mit eisernem Willen zurückgekämpft und sich ein neues ­Leben geschaffen – als Sportlerin.

Auch diese Willenskraft kommt von meinem Glauben. Sie wurde bei meinem Besuch in Lourdes noch gestärkt.

 

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Paralympics-Athletin. Giusy läuft mit speziellen Carbon-Prothesen. Sie stellte Rekorde auf und errang zahlreiche Medaillen. © Fabiano Venturelli

Wie kam es, dass Sie Profisportlerin wurden?

Der Sport hat mir immer schon ­geholfen. In meiner neuen Situation ab 2010 besonders. Ich habe immer weiter trainiert, bin viel gelaufen. Dann habe  ich in Italien Medaillen gewonnen und Rekorde aufgestellt. Bei den Paralympics 2015 in Doha war ich im Finale und 2016 in Grosseto, Italien, habe ich eine Silber- und eine Bronzemedaille gewonnen. Diese Siege haben mir die Tür für die Paralympics 2016 in Rio geöffnet.

 

Außerdem haben Sie die TV-Tanzshow „Ballando con le stelle“ gewonnen. Diese Show ist in Italien sehr bekannt und ich wollte den Leuten zeigen, was für Menschen wie mich alles möglich ist.

Da habe ich übrigens zum ersten Mal nach meinem Unfall wieder High Heels getragen! Und ich war weltweit die erste Teilnehmerin mit Handicap, die diese Tanzshow gewonnen hat.

 

Sie hatten heuer einen viel bejubelten Auftritt bei den Filmfestspielen von Venedig. Warum waren Sie dort?

Ich habe die Filmdoku „Donne & ­Libertà“ über die Vergewaltigung von Mädchen präsentiert. Das bedeutet mir sehr viel, weil das eine Chance war, die Schwierigkeiten, aber auch die Hoffnung dieser Frauen aufzuzeigen.

 

Sie haben mit der Versace-Familie eine prominente Verwandtschaft. ­Haben Sie engen Kontakt?

Wir sehen uns regelmäßig. Donatella treffe ich oft, wir essen zusammen. Und Gianni war ein Genie – und ein netter Mensch!

 

Was ist Ihre Botschaft?

Ich möchte meine positive Einstellung an jene weitergeben, die Kraft und Hoffnung brauchen. Ich will ihnen ­sagen: Das Leben ist ein Geschenk. Nimm es in die Hand und mache es zu einem Meisterwerk. Und vergiss niemals zu lachen! – Dieser Satz stammt übrigens von Papst Johannes Paul II.

 

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Glänzend. Giusy Versace bei den Filmfestspielen von Venedig. © Getty Images