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People | 07.03.2019

Zeitenwende

Philipp Hübl ist Philosoph. In seinem neuen Buch stellt er eine Gesellschaftsdiagnose. In look! sagt er: „Es ging uns noch nie so gut wie jetzt, aber in Bezug auf die Umwelt hat die Menschheit bisher versagt.“

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Ansicht: Studien besagen, so Philipp Hübl, dass Hunde- besitzer eher konservativ wählen und Katzenfreunde eher linksliberal. © Josef Fischnaller

Es scheint, als gerate die Welt aus den Fugen. Der mächtigste Mann, Donald Trump, seines Zeichens US-Präsident und verlässlicher Absurditäten-Lieferant, verweist etwa den Klimawandel ins Reich der Märchen. Populismus ist State of the Art, die Rechten werden immer stärker. Die digitale Revolution überrollt uns, viele haben Angst vor der Zukunft. Wie soll das weitergehen? Und warum konnte das alles so passieren?  


Antworten darauf haben Philoso­­­­­­phen wie Dr. Philipp Hübl. Der 43-jährige Deutsche zählt zur jungen Philosophen-Garde, die Ergebnisse aus Wissenschaften wie Soziologie und Psychologie in ihre Betrachtungen miteinbezieht. Hübl zu look!: „Philosophen haben immer versucht, den Menschen zu erklären. Wir müssen auf die Ergebnisse anderer Disziplinen zugreifen, um ein korrektes Gesamtbild zu erhalten.“


Hübl ist promovierter Philosoph, war Juniorprofessor an der Uni Berlin, ab Herbst ist er wieder als Dozent an der Universität der Künste in Berlin im Einsatz, er ist Autor und regelmäßiger Gast bei hochkarätig besetzten TV-Diskus­­­­­sionen. Und er ist der Bruder von Model Johannes Hübl, der mit seiner Frau, Instagram-Superstar und Unternehme­­­­­­rin Olivia Palermo, in den USA lebt.


Ende März erscheint Philipp Hübls neues Buch „Die aufgeregte Gesellschaft“. Eine Gesellschaftsdiagnose aus philosophischer Sicht voll überraschender Erkenntnisse, wie jener, dass Angst nicht fremdenfeindlich macht und dass sich die Polarisierung zwischen Traditio­nalisten und Kosmopoliten verstärkt.

 

,,Würden nur Junge wählen, wäre Fremdenfeindlichkeit ein Randphänomen.", so Dr. Philipp Hübl.

Wir baten Philipp Hübl zum Interview über die Lage der Welt.

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,,Der Bruch in der Gesellschaft verläuft zwischen Alt und Jung, zwischen Land und Stadt, zwischen Tatort und Netflix.", so Dr. Philipp Hübl. © Josef Fischnaller

Silvia Meister: In Ihrem neuen Buch behaupten Sie, dass konservative Landbewohner eher Hunde mögen und moderne Städter Katzen.

Philipp Hübl: Diese Ergebnisse basieren auf weltweiten Studien. Menschen, die konservativ wählen, entscheiden sich eher für einen Hund als Haustier, progressive, linksliberale Wähler für eine Katze. Fragt man sehr Konservative, welche Eigenschaften ihr Hund haben soll, sagen sie: Er muss treu sein und gehorchen. Das passt zu ihren zentralen moralischen Prinzipien Autorität (Gehorsam) und Loyalität (Treue). Es lässt sich der Umkehrschluss ziehen: Wer einen Hund als Haustier bevorzugt, wählt tendenziell eher konservativ, wer eine Katze hat, gehört tendenziell eher zum liberalen Lager. Fragt man progressive Linksliberale, wie ihr Haustier sein sollte, sagen sie: lieb und verspielt. Auch das steht für ihre moralischen Prinzipien: Fürsorglichkeit und Autonomie.


Apropos konservative Traditionalisten: Hat sich die Lage in Bezug auf Fremdenfeindlichkeit entspannt?  

Studien zeigen, dass die Fremdenfeindlichkeit eher zugenommen hat. Es gab ja in ganz Europa einen Rechtsruck, die rechten Parteien haben Wahlstimmen gesammelt. Dafür ist in erster Linie eine Gruppe von Menschen verantwortlich, die für sehr konservatives, traditionalistisches, autoritäres Denken anfällig ist: Das sind Männer über 50, vor allem jene, die auf dem Land leben. Sie fühlen sich von der Globalisierung im Allgemeinen, aber speziell von der Zuwanderung und der neuen Vielfalt bedroht und wählen tendenziell rechts. Das ist in allen Ländern so. In Deutschland haben eindeutig die älteren Männer auf dem Land rechts gewählt, auch für den Brexit und für die Trump-Wahl sind eher ältere Männer aus ländlichen Gebieten verantwortlich.
Diese traditionalistischen Männer über 50 werden noch gut 20, 30 Jahre lang wählen und sie machen einen wichtigen, weil großen Wähleranteil aus. Deshalb wird uns das Phänomen Fremdenfeindlichkeit noch zwei, drei Jahrzehnte beschäftigen.

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Neues Buch: Philipp Hübls neues Buch erscheint Ende März: „Die aufgeregte Gesellschaft“, C. Bertelsmann, € 22,–.

Danach gibt es demnach keine Fremdenfeindlichkeit mehr ...?

Die ganz Jungen, die unter 30-Jährigen, sind extrem offen für multikulturelle Gesellschaften, sie sind insgesamt moralisch liberaler und sensibler, für sie ist zum Beispiel die Ehe von Homosexuellen eine Selbstverständlichkeit. Würden also nur die Jungen wählen, gäbe es kaum Fremdenfeindlichkeit, sie wäre eher ein Randphänomen.

 

In Ihrem neuen Buch geht es u. a. darum, dass an Emotionen wie Ekel abzulesen ist, ob jemand konservativ wählt oder liberal. Wie funktioniert das?


Ekel ist ein angeborener Schutzmechanismus, wir ekeln uns vor Organischem, das uns schaden könnte – vor Dingen, die mit Bakterien, Viren und Parasiten behaftet sein können, wie etwa Körperflüssigkeiten, Tiere oder verdorbenes Essen. Allerdings ist die Ekelneigung in Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt. Wer sich leicht ekelt, neigt eher zum Konservativismus – einer Ideologie, die Altbekanntes hochhält und Unbekanntes als gefährlich infektiös – ansieht. Menschen, bei denen der Ekelmechanismus schwächer aus­geprägt ist, tendieren zu einem kosmopolitischen, offenen Lebensstil, sie sind progressiver, neugieriger, wollen die Welt erkunden und sie haben keine Scheu vor fremden Menschen und Speisen, die sie nicht kennen. Diese Gruppe wählt tendenziell eher linksliberal. Und die Bruchlinie in unserer Kultur verläuft zwischen diesen beiden Denkstilen, den konservativen Traditionalisten und den progressiven Kosmopoliten.

 

 

Die Bruchlinie in der Gesellschaft verläuft also nicht – wie oft angenommen wird – zwischen Arm und Reich?

Richtig. Die Bruchlinie in der Gesellschaft verläuft eher zwischen Alt und Jung, Land und Stadt, Auto und Fahrrad, Tatort und Netflix, Vergangenheit und Zukunft – also zwischen konser­vativen Traditionalisten und progres­siven Liberalen.

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Prominente Familie. Philipp Hübls Bruder Johannes ist Model und mit Instagram- Star Olivia Palermo verheiratet. © picturedesk.com

Individualisierung ist ein großes Thema. Jeder ist sich selbst der Nächste – wachsen Generationen von völlig empathielosen Egoisten nach?

Tatsächlich sind wir in den vergangenen 50 Jahren progressiver geworden.  In Urzeiten hat sich der Mensch sehr stark in einer Gruppe verortet. In Europa war das noch in der Nachkriegszeit so, da alle aufeinander angewiesen waren. Mit jedem Jahrzehnt sind wir im Westen aber individualistischer geworden. Inzwischen geht es sehr stark darum, den eigenen Weg zu finden. Es ist nicht mehr so wichtig, welche Rolle man in der Familie spielt. Auch das Gefühl, einem Staat, einer Nation verbunden zu sein, ist insgesamt schwächer geworden. Das bedeutet aber nicht, dass wir deshalb egoistischer oder gar weniger moralisch sind. Im Gegenteil: Je jünger die Menschen im Westen sind, desto wichtiger sind ihnen Fragen wie globale Gerechtigkeit und Mitgefühl mit den Benachteiligten. Dafür sind bei den jüngeren Generationen Werte der Älteren, wie Familienverbundenheit, Vernetzung mit Nachbarn und Zuge­hörigkeit zu seinem Wohnviertel, deutlich zurückgegangen. Außerdem sind Freundschaften und Liebschaften loser geworden. Auch einer Religion fühlen sich die Menschen nicht mehr so verbunden wie früher.


Welche Rolle spielt Religion heute?

Wir leben in der atheistischsten Zeit der Geschichte. Vor 60, 70 Jahren gehörte ein Großteil der Menschen einer klassischen Religion an. Jetzt bezeichnet sich in Deutschland nur mehr ein Drittel der Menschen als religiös, ein weiteres Drittel glaubt zwar an eine höhere Kraft, aber nicht an einen per­sonalen Schöpfer-Gott und ein Drittel ist mittlerweile atheistisch oder zumindest nicht religiös.

Diese Entwicklung läuft parallel zu anderen Formen der Individualisierung. Noch vor 30, 40 Jahren haben Kinder die Religion der Eltern übernommen. Jetzt wollen viele nicht mehr nach einer autoritären, hierarchisch und vor allem institutionell verankerten Religion wie dem Christentum leben. Einige haben aber trotzdem eine Sehnsucht nach etwas Höherem, Transzendentem und suchen sich die passende, meist fernöstliche Religion am freien Markt aus. Bei dieser Spiritualität geht es oft darum, im Einklang mit der Natur zu leben, das Leid zu bekämpfen, eine Gemeinschaft zu bilden und sich um die Schwachen zu kümmern. Es stehen also progressive Werte wie Fürsorge, Fairness und Freiheit im Vordergrund.


Viele Menschen haben extreme Angst vor der Zukunft, viele meinen, dass die Welt am Abgrund steht. Ist die Lage wirklich so prekär?

Nein, es ging uns noch nie so gut wie jetzt. Wir leben länger, gesünder und sicherer, wir sind wohlhabender als je zuvor. Allein die Lebenserwartung ist in den vergangenen hundert Jahren von weltweit 30 Jahren auf 70 Jahre gestiegen, im Westen sogar auf über 80 Jahre. Fast alle Bereiche des menschlichen Lebens haben sich also verbessert. Nur in einem Bereich ist alles viel schlechter geworden: der Umwelt – denken wir an Klimawandel, Erderwärmung, Plastikmüll, gekippte Gewässer und das Arten­sterben bei den Tieren. Wir haben es trotz des gesellschaftlichen und technischen Fortschritts nicht geschafft, die Welt so zu gestalten, dass die Umwelt nicht darunter leidet. In dem Punkt hat die Menschheit bisher versagt.